Heimweh

von Ildikó von Kürthy, 4 Kommentare

Vielleicht ist dies der richtige Moment, einmal meinen Überdruss zu schildern – mit manchen Lesern, mit manchen Kritikern, mit manchen Zuschauern. Seit ich schreibe, wird mir immer wieder in ermüdender Regelmäßigkeit vorgeworfen, meine Bücher, meine Stücke oder ich selbst seien oberflächlich, fahrlässig romantisch und kindlich unreflektiert.
Hier, in diesem Blog, wurde ich nun gefragt, ob ich mich dafür rechtfertigen müsse.
Ich denke überhaupt nicht daran. Gibt es denn eine Verpflichtung, von der ich nichts mitbekommen habe, dass sich der Schriftsteller in bewegten und bedrückenden Zeiten ausschließlich mit der Krise befassen darf? Sind Texte, die sich nicht mit dem Leid der Flüchtlinge, mit der Angst vor Terror und der bedrohlichen politischen Situation befassen, automatisch minderwertig und zum Abschuss durch sogenannte Intellektuelle freigegeben? Glaubt ihr gebildeten, belesenen und kritisch denkenden Menschen denn wirklich, mein Herz und mein Hirn seien frei von Sorge, von Mitleid und von Wissen um die Umstände, in denen ich lebe, bloß weil ich …

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Freiheit

von Tina Müller, Keine Kommentare

Es gibt doch diese Aussage, dass man, egal, wo man hinkommt, sich selbst immer mitnimmt und deswegen ebenso gut zu Hause bleiben kann. Dass man den eigenen Krampf überall hinschleppt. Und eine neue Heimat immer auch die alte ist.
In Tinstabook kann ich mal 12 sein, ich kann mal 48 sein. Ich kann sofort aktiv sein. Ich kann sehr kritisch sein. Reinplatzen. Falsch liegen. Ich kann fremd sein. Ich kann Aufsehen erregend sein. Ich kann mich zeigen und verstecken. Ich kann mitmachen oder zugucken. Ich kann mich ausprobieren. Ich kann mich ändern. Ich kann lernen. Ich kann scheitern ohne dass es jemand mitkriegt. Oder alle es mitkriegen. Ich kann erfinden. Lügen. Ich kann Utopien aufstellen. Ich kann Neues erfahren. Ich kann Neues erfinden. Ich kann mich verbinden. Ich kann mich verlieben. Ich kann mich verlieren. Und das, da gebt ihr mir doch Recht, ist sehr, sehr aufregend.
Seit ich allerdings in Tinstabook lebe, bin ich …

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Heimatkunde f. alle

von Feridun Zaimoglu, 10 Kommentare

Die rauhen Kerle von der Müllabfuhr stehen beim Metzger Schlange: Klops mit Senf auf Stulle, Fleisch ohne Knorpel, gutes Mastfutter. Die Oma wird vorgelassen, sie lobt die Manieren der Männer: Früher, als noch geschossen wurde in Russland, da wo unsre Soldaten Blitzkriege führten, da hat man gewusst, die Dame hat Vortritt, nun ist aber seit langem Schluss mit Galanterie, weil jetzt macht man die Moslems fett, die kommen her, es schwappt sowas von schlimm rüber, die Negermuselmanen werden noch ein Stück Land abbeißen, so wie’s der Russe getan hat mit Königsberg… Der Metzger sagt: Ist gut, hier hab ich die zehn Scheiben Cervelatwurst, ich hab nicht ewig Zeit… Aufstand im Viertel, Deutschsein heute ist möglich, und wie aber umgehen mit den Syrern im Heim? Die sind alle still und brav, und wenn man es ihnen erlaubt, arbeiten sie wie der Teufel, da kann man nicht meckern. Die Nazis von der Platte an der Autobahnausfahrt sind …

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