Dritter Teil

von Feridun Zaimoglu, 1 Kommentar

Der sechste Platzregen am Kieler Sonntag, ich steh wie ein böser Geist am Fenster und blick auf schokoeislöffelnde Studenten, vom bloßen Gaffen erlahmt der Geist, ich räum den Posten, stürm mit schwerem Müll hinunter auf den Hinterhof, hebe den Deckel des Altpapiercontainers, mit dem Rücken obenauf liegt eine aufgeklappte leere Plastikhülle. Ich sehe: nackte Frauen in Hundestellung. Ich sehe: gespielte Entzückung und Entrückung in den Gesichtern. Ich lese: Der Lohn der Emanzipation. Blutjunge Biester christlich in den Po gesext. Der Wind schlägt den Deckel zu, ich steh wie ein Pony im Regen und blinzele mir das Wasser aus den Augen. Was war das? Mein Altpapier stopf ich in die große Mülltonne, spähe nach Kumpels mit einem Sinn für Prollhumor. Nach einigen Minuten hab ich es satt, mich nassregnen zu lassen, zurück in die Stube. Die Wohnung ist eine Ruine, überall Schutt und Mörtelbrocken in kleinen und großen Säcken, Regale und Möbel sind mit Planen bedeckt, …

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Integration

von Tina Müller, 7 Kommentare

Freunde selbst aussuchen. Selbst entscheiden, wen man mag und wen nicht. Auch jemanden mögen dürfen, der oder die einen nicht mag. Entscheiden dürfen, mit was man sich beschäftigen möchte. Die Art der Gespräche mitbestimmen. Inhalte selbst wählen. Interessen von Tag zu Tag neu ausrichten. Widersprüchlich sein dürfen. Das alles ist bei Tinstabook nicht selbstverständlich. Die dortigen Integrationsbeauftragten haben einen klaren Auftrag: Das sind deine Freunde, deine Interessen und hier hast du ein paar Links zum Spaß haben. Tinstabook erkennt nicht die Vielschichtigkeiten menschlicher Bedürfnisse. Die Lust am Elend oder die Angst vor dem Kranken, der Durst nach Neuem, der Wunsch nach Verständnis. Tinstabook hat keine Ahnung, wer ich bin. Es ist anstrengend, sich ständig gegen dieses aus Algorithmen errechneten Konstrukt seiner selbst abgrenzen zu müssen. Ständig sagen zu müssen, ich bin mehr als Jobs-mit-Sinn, Hildesheimer Kulturwissenschaftler und Gemeinsam-gegen-TTIP. Ich habe noch ganz andere Seiten an mir als nur den Jan-Böhmermann-Fanclub. Ich bin nicht Freithal-gegen-Heime und …

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Zweiter Teil

von Suleman Taufiq, 3 Kommentare

Als mein Sohn sechs Jahre alt war, fragte ihn ein Freund: „Ja, was bist du denn nun eigentlich? Deutscher oder Syrer?“, worauf er zunächst nicht antwortete. Es schien, als ob ihn diese Frage ratlos machte. Darauf schlug mein Freund ihm vor: „Vielleicht bist du ja ein halber Deutscher und ein halber Syrer.“ Nun reagierte mein Sohn ganz energisch und meinte entschieden: „Nein, ich bin ganz Deutscher und ganz Syrer!“
So gab er mir einen Eindruck davon, wie er sich selbst zwischen zwei Kulturen lebend empfindet. Er wollte nicht zwischen beiden Kulturen aufgeteilt werden. Er empfand sich in beiden Kulturen als vollständig. Und er ergänzte noch: „Ich bin doch nicht nur ein Stück von Syrien, oder?“
Bei der Erziehung meiner beiden Kinder hatte ich von vornherein kein Konzept. Die Erziehung folgte keinen festgelegten Normen, sondern gestaltete sich rein intuitiv; sie ergab sich einfach daraus, dass wir Eltern aus verschiedenen Kulturen stammten, meine Frau als Deutsche und …

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