Felix Huby, bürgerlich Eberhard Hungerbühler, geboren 1938 in Dettenhausen, war bis 1979 Journalist, zuletzt sieben Jahre lang beim SPIEGEL. Seit 1976 schreibt er Sachbücher, Kinderbücher und Kriminalromane. 1981 wurde sein erster Fernsehfilm ausgestrahlt: „Der Grenzgänger“ – einer von zwei Pilotfilmen der Schimanski-Reihe. Huby hat insgesamt 34 Tatorte geschrieben, dazu viele Fernsehserien („Oh Gott, Herr Pfarrer“, „Ein Bayer auf Rügen“) Einzelfilme und acht Theaterstücke u. a. „Schwabenblues“ und „Georg Elser – Allein gegen Hitler“. Seine Bienzle-Romane haben bis heute eine Auflage von über 850 000 Exemplaren erreicht. 2014 erschien sein Roman „Heimatjahre“, der zu einem Erfolg wurde, im Verlag Klöpfer und Meyer. Im Herbst dieses Jahres erscheint der Nachfolgeband „Lehrjahre“. Der Schwabe Huby lebt seit 23 Jahren in Berlin.

Ich hatte einen Traum

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Ich hatte den Film „Vor der Morgenröte“ von Maria Schrader über Stefan Zweigs Leben im Exil gesehen. In der Nacht danach träumte ich: Ich war unterwegs durch ein schroffes Gebirge und erreichte ein schönes Tal. Ein Fluss mit kristallklarem Wasser war von üppigen, zum Teil blühenden Bäumen und Büschen umstanden. Mein Weg führte mich in eine kleine Stadt. Den ersten Passanten, den ich traf, fragte ich nach dem Namen der Stadt. Er verstand mich nicht. Weder in Deutsch noch in Englisch, noch in dem mangelhaften Französisch, das ich sprach. Achselzuckend wendete er sich ab. Und so ging es mir mit allen anderen Menschen dort. Sie waren freundlich, aber sie konnten mit mir offensichtlich nichts anfangen. Ein Gefühl maßloser Einsamkeit erfasste mich. Wie sollte ich hier leben, oder wie sollte ich von hier weiterkommen? Ich war hin- und hergerissen zwischen bodenloser Traurigkeit und Verzweiflung, innerlich vollkommen leer und körperlich total erschöpft. Zum Glück wachte ich auf. Aber das Gefühl der Verlassenheit hielt noch an. Ich brauchte einige Zeit, um zu begreifen, dass es ja nicht mein Schicksal war, in eine fremde Welt hinaus geworfen zu sein, dass ich nach wie vor in meinem Land und in meiner Sprache zuhause war. Obwohl es noch mitten in der Nacht war, hinderte ich mich selbst daran, wieder einzuschlafen.

8 Kommentare

  1. Lisa, ,

    Lieber Herr Huby, nun muss ich auch ihren zweiten Text kommentieren. Es scheint nicht auszureichen, dass wir zu den Menschen, die zu uns kommen um bei uns zu leben, freundlich sind. Es muss zu schaffen sein, dass wir auch gegenseitig was miteinander anfangen können, wie sie schreiben. Das scheint ein langer mühsamer Weg, wie ist das zu schaffen? Müssen sich das nicht auch jeden fragen, dessen Schicksal das nicht ist.

  2. Dirk, ,

    Es muss doch schlimm sein, selbst wenn die Menschen freundlich sind zu einem, dass sie einen einfach nicht verstehen. Da wird man sich ziemlich verloren fühlen. Ich denke, da wird für die Integration noch viel zu wenig getan.

    • Marco, ,

      Dirk, meinst du nicht, es gibt genug Kurse dafür? Wird doch eigentlich alles angeboten!

      • Antonio, ,

        Kurse? Ist denn Zwischenmenschlichkeit wirklich zu institutionalisieren?

        • Lisa, ,

          Find auch! Kurse sind ja lange nicht alles!

          • Abdallah, ,

            Ich mache Deutschkurse, um endlich Freunde zu finden. Aber es sind natürlich keine Deutschen dort. Ich hätte gerne deutsche Freunde.

            • Anna, ,

              Hallo Abdallah, ich kann mir vorstellen, dass es schwierig ist, deutsche Freunde zu finden, wenn man zugezogen ist, vor allem wenn man gerade erst Deutsch lernt. Einige Deutsche sind da sicher recht ungeduldig und unflexibel; andere aber auch super offen. Je nachdem, wo du den Kurs machst, können dir die Mitarbeiter der lehrenden Institution vielleicht Tipps geben? Beste Grüße, Anna

              • Smokey, ,

                Omg – Wenn Abdulla das nicht weiß, dann ist ihm eh nicht zu helfen, liebe Anna….

Die Kommentarfunktion wurde abgeschaltet, da der Austausch mit den Autoren und den Lesern zum Thema "Heimatkunde" aktuell für die Bühne bearbeitet wird. Sie können das Ergebnis am 16. & 17. September jeweils um 19.30 Uhr im Theaterhaus Stuttgart erleben.

Karten unter www.theaterhaus.com

Langsam getanzt ist auch getrauert

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In dem Buch „So semmer halt – Der Schwabe und die Republik“, das ich mit Hans Münch geschrieben habe, lassen wir einen Mann aus vergangener Zeit in unseren Tagen in seine alte Heimat zurückkehren. Er ist Jude, geboren in Ulm und einer der größten Wissenschaftler aller Zeiten: Nun sitzt er im Flugzeug – zurück in die USA. Bei klarem Himmel zieht die Maschine eine Kurve über Stuttgart und dem Neckartal. Der Mann spürt einen leisen Schmerz in seinem Herzen. Heimweh vielleicht, bevor er seine alte Heimat ganz verlassen hat? Eine Liedzeile fällt ihm ein: „Ich möchte am liebsten fortgehn und bliebe am liebsten hier.“ Er lächelt. Es gab ja auch das Gegenteil: „Dahoim sei ond trotzdem Jomer hau“, lautete ein alter schwäbischer Satz aus seiner Kindheit. Fast gleichzeitig erinnert er sich an einen Spruch, den er in Berlin aufgeschnappt hatte, ehe er damals Deutschland verlassen musste: „Langsam jetanzt ist och jetrauert!“ Er lächelt der Stewardess zu, die ihm in diesem Augenblick einen Kaffee serviert. Mehr zu sich selbst sagt er: „Was weiß der Fisch von dem Wasser, in dem er schwimmt?“
„Wie bitte?“ Die junge Frau lacht kurz auf.
Der Fluggast winkt ab. „Das habe ich vor langer Zeit einmal geschrieben.“
„Kann ich sonst noch etwas für Sie tun? Wenn Sie irgendwelche Fragen haben …“, sagt die Stewardess.
„Wissen Sie, früher hatte ich auf jede Frage eine Antwort. Heute habe ich nur noch Fragen. Allerdings habe ich früher schon immer gesagt: ‚Das schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle‘.“
Die Stewardess sieht ihm leicht befremdet in die Augen. Dann sagt sie auf einmal: „Sie kommen mir irgendwie bekannt vor.“
„Ja, das passiert mir gelegentlich“, antwortete der freundliche alte Herr. „Aber der, an den Sie denken, lebt schon lange nicht mehr. Nur manchmal schaut er noch mal vorbei, um zu sehen, was sich geändert hat.“
„Und?“, fragte die Stewardess.
„Heute machen die Menschen andere Fehler als damals. Aber eins ist schön“, er zeigt zum Fenster und auf die kleiner werdende Landschaft hinab. „Dieses Land hat seit beinahe 70 Jahren Frieden. Wann hat es das je gegeben?“

2 Kommentare

  1. Benjamin, ,

    Es gibt also Sprichwörter und Plattitüden für jede Einstellung (gibt auch ‚Wer langsam geht, kommt weit‘), da gibt es kein Richtig oder Falsch. Wie man es macht, es ist doch verkehrt. Man muss doch irgendwann raus aus dem trauten Heim und ein eigenes Leben anfangen, aber am Bequemsten ist es, man bleibt doch zuhaus. So oder so wird man das eine oder andere bereuen, wenn man älter wird un sich fragen, ob es nicht anders doch besser gewesen wäre. Aber auch das ist ein natürliches Gefühl, was mit dem Begriff Heimat verbunden ist.

  2. Lis, ,

    Gerade schwäbische Eigenschaften gelten wohl nicht überall als feine Charakterzüge, aber ich finde es ist wichtig, dass man die Eigenheiten, die Mundart (die ich kaum verstehen kann) etc. etc. erhält. Und tatsächlich erscheint ja bei allen Unterschieden entscheidend, dass man in Frieden leben kann, ganz wie es in der Geschichte heißt!

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Ein Gefühl, kein Ort – oder doch?

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Wenn ich mit dem Flugzeug nach Stuttgart komme, schwebt die Maschine entweder über den Schwäbischen Wald und Esslingen ein oder über den Schönbuch und Echterdingen. Im zweiten Fall sehe ich dann rechts Dettenhausen liegen, den Ort, in dem ich geboren wurde und aufgewachsen bin. Und jedes Mal spüre ich ein Ziehen in der Herzgrube. Aber auch der Blick, wenn ich von der anderen Seite komme, hinüber zur Schwäbischen Alb, macht mir schlagartig klar, was ich in Berlin und im flachen Land Brandenburg, wo ich seit 25 Jahren lebe, so sehr vermisse: diese wunderschöne für mich „anheimelnde“ Landschaft. Dazu kommt die Vorfreude auf das Wiedersehen mit alten Bekannten, auf das Einkehren in einer Wirtschaft wie etwa dem Ochsen in Uhlbach, auf den Rostbraten dort, wenn möglich verzehrt unter der alten Kastanie mit der weit ausladenden Baumkrone, auf eine Wanderung durchs Siebenmühlental oder auf einen Badebesuch im Leuze.

Wenn ich auf dem Rückflug unter mir die Seenlandschaft rund um Berlin erblicke, freue ich mich auf meine Heimkehr in die Hauptstadt, das bunte Leben und die Freunde, die ich dort gefunden habe.

Der sehr angesehene Professor Hermann Bausinger meint: Heimat sei „eine räumliche soziale Einheit mittlerer Reichweite, in welcher der Mensch Sicherheit und Verlässlichkeit seines Daseins erfahren könne, eine Nahwelt, die verständlich und durchschaubar ist als Rahmen in dem sich Verhaltenserwartungen stabilisieren, in dem sinnvolles abschätzbares Handeln möglich ist.“

Gell da guckscht!

Meine Heimat ist Schwaben, zuhause fühle ich mich aber auch in Berlin. Und vielleicht ist Heimat ja tatsächlich mehr ein Gefühl als ein Ort. Heimisch fühle ich mich dort, wo ich mich nicht verstellen muss, wo mich die Leute mögen und ich die Leute mag.

3 Kommentare

  1. Tina, ,

    Ich bilde mir ja immer ein, ich würde an der Art der Bewirtschaftung der Getreidefelder erkennen, ob ich über Süddeutschland oder Brandenburg schwebe. Oder ich behaupte, im ICE von Berlin nach Zürich sitzend, allein durch die Anordnung der Gärten vor den Einfamilienhäusern wissen zu können, wann wir die Schweizer Grenze überquert haben. Kennen Sie dieses tolle Spiel http://www.geoguessr.com? An Hand einer Landschaftsaufnahme soll geraten werden, wo das jeweiligen Foto geschossen wurde. Macht Spaß. Ich treffe nur meistens nicht mal den richtigen Kontinenten.

    • Susanne, ,

      Tja, sieht halt doch alles gleich aus… Da sollte man doch noch mal über Heimat als Landschaft und Ort nachdenken, den man angeblich wie seine Westentasche kennt.

  2. Lisa, ,

    Das Thema aller Blogbeiträge ist Heimat. Ich denke, da brauchen wir nicht zu bestreiten, dass jeder Mensch eine Heimat braucht. Einen sicheren Ort, an dem er sich gern bewegt und auch dazu gehört. Und vielleicht kann man zwei oder mehrere Heimaten haben. Aber es liegt sicher nicht nur an einem selbst, dass dem so ist, die anderen müssen auch zulassen, dass Menschen eine neue Heimat finden können.

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Heimat und Sprache

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Bei uns alten Leuten (ich bin 78) ist das Gefühl für die Heimat noch eng verbunden mit der heimischen Sprache. Schwäbisch ist ja eigentlich keine Mundart, kein verschlamptes Hochdeutsch, sondern, um es mit Thaddäus Troll zu sagen: „Eine Sprache mit eigenem Wortschatz und eigener Grammatik, die sich auch in ihren Gefühlsinhalten völlig von der Hochsprache unterscheidet.“ Die Sprache meiner Heimat, das Schwäbische, ist differenzierter, oft präziser, bildhafter und klarer als das so genannte Schriftdeutsch. Troll: „Die Hochsprache ist nicht denkbar ohne eine lebendige Fühlung mit, ohne eine ständige Erneuerung durch den Dialekt. Sie würde sonst umkippen wie ein Gewässer ohne Sauerstoff.“ Möglicherweise würde er heute anders darüber denken. Doch für Menschen meiner Generation gilt das noch, zumal wenn man als Schriftsteller an seine Sprache gekettet ist. Das gilt insbesondere, wenn man, wie ich, Vieles im Dialekt schreibt. Aber dass da ein gewisser Abstand eine Hilfe sein kann, habe ich immer wieder bemerkt, seitdem ich in der Bundeshauptstadt lebe. Einmal sollte ich einer Gruppe Berliner den Unterschied zwischen Schwaben und Berlinern erklären. „Schwaben reden langsam und schaffen schnell“, sagte ich, „bei den Berlinern ist es genau umgekehrt.“ Die Proteste waren entsprechend. Man verlangte nach Beweisen! Also erzählte ich folgende Anekdote: „Bevor wir unsere erste Wohnung in Berlin bezogen, musste sie gründlich renoviert werden. Als wir mit dem Möbelwagen ankamen, funktionierte alles ganz ordentlich, nur das Klo war noch nicht eingebaut. Zufällig war der Installateur im Haus. Ich habe ihn sofort darauf angesprochen. „Keen Problem“, sagte er, „det mach ick Ihnen doch ratzfatz!“

„Na siehste“, sagte einer am Tisch. „Und wie wär das in Schwaben gewesen?“

„Der hätte gesagt: Ja brauchet Sie des denn so dringend? Deshalb fährt mr doch net extra her. Da ischt doch nix dra verdient. Könnet Se net bei ihre Nachbarn solang aufs Klo gange, bis mr sowieso amol wieder in dr Gegend ischt?“

„Na also!“ Zufriedenheit machte sich am Tisch breit bis ich fortfuhr: „Der wäre aber in den nächsten zwei, drei Tagen gekommen und hätte das Klo, wenn auch maulend, montiert.“

„Und der Berliner?“

„Bei dem hat es noch ein Vierteljahr gedauert, und jedes Mal, wenn wir angefragt haben, hat er gesagt: „Keen Problem, mach ick Ihnen sofort. In een, zwe Tagen haben Sie det Ding!“

1 Kommentar

  1. Lore, ,

    Lieber Herr Huby, vielen Dank für diese kleine Anekdote, die mich sehr zum Lachen gebracht hat. Die Szene ließe sich mühelos auf andere Regionen übertragen. Schön zu lesen, dass sie eine fröhliche Szene daraus machen, so ganz ohne Groll. Die Eigenarten sind ja auch überaus liebenswert.

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Viertelesweisheiten

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.Je weiter man von zu Hause weg ist, desto deutlicher kann man erkennen, was den Schwaben so „oige“, aber auch so liebenswert macht. Bei einem Besuch in Stuttgart bin ich, einer alten Gewohnheit folgend, beim „Stetter“ eingekehrt. Am Nebentisch saßen zwei alte Männer – was hoißt alt? Männer halt in meinem Alter. Die hent in ihre Viertelesgläser neiguckt, wie d’Zeit vergeht. Und ab und zu hat auch einer was g’sagt. Sie haben dann über einen abwesenden Bekannten gesprochen. „Du, domm ischt der fei net“, hat der eine gesagt. Dann ist sehr viel Zeit vergangen. Die zwoi hent vor sich hinguckt, a paar Schlückle gnomme, und schließlich sagte der andere: ‚Aber g’scheit ischer au net!‘“

Danach haben die zwei über ihre Krankheiten diskutiert. „Was willscht mache. I werd halt alt!“, sagte der eine, worauf der andere antwortete: „Lang lebe wellat älle, bloß et alt werde. A bissle astrenge muss mr sich natürlich scho! Guck mi an. Ich leb vernünftig, kein fettes Essen, ich gehe regelmäßig spaziere, trinke keinen Alkohol, bloß nachem Essa a Schnäpsle ond obends mei Viertele. Wenn i so weiter mach, werd i no achtzig!“

Sagt sein Nachbar: „Sag doch neunzig, no bischt net so em Zeitdruck!“

 

2 Kommentare

  1. Wolf, ,

    Ich muss sagen, ich verstehe kaum, worum es geht. Schwaben geht das sicher anders…

  2. Smokey, ,

    Dem Schwoab geht`s nicht nur anders….

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