Feridun Zaimoglu wurde 1964 im anatolischen Bolu geboren. Die ersten 20 Jahre seines Lebens verbrachte er in München, Berlin und Bonn. Seit 1985 lebt er in Kiel, wo er Kunst und Humanmedizin studierte.

Er arbeitet als Autor, verfasst Theaterstücke und Drehbücher, ist bildender Künstler und Kurator und beteiligt sich auch an politischen Debatten. Als freier Journalist schreibt er u. a. für Die Zeit, Die Welt und Tagesspiegel Literaturkritiken und Essays. Während der Spielzeit 1999/2000 arbeitete er als Theaterdichter am Nationaltheater Mannheim, im Sommersemester 2004 war er Gastdozent an der Freien Universität Berlin.

1997 erschein sein Debütroman „Kanak Sprak“. Sein zweites Buch „Abschaum – Die wahre Geschichte von Ertan Ongun“ wurde 2000 von Lars Becker als „Kanack Attack“ verfilmt. 2008 wurde Zaimoglu auf der Leipziger Buchmesse der internationale Buchpreis Corine verliehen. 2010 erhielt er u. a. den Kulturpreis der Stadt Kiel, 2011 den Preis der Literaturhäuser. Zusammen mit seinem Coautor Günter Senkel erhielt er 1998 den Drehbuchpreis des Landes Schleswig-Holsteins. Zuletzt erschien von ihm der Roman „Siebentürmeviertel“ (2015).

Feridun Zaimoglu, der konsequent offline lebt und keine Emailadesse und keinen Computer besitzt, schickt seine Beiträge per Fax und erhält die Beiträge der anderen Autoren sowie ausgewählte Kommentare per Post.

Heimatkunde f. alle

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Die rauhen Kerle von der Müllabfuhr stehen beim Metzger Schlange: Klops mit Senf auf Stulle, Fleisch ohne Knorpel, gutes Mastfutter. Die Oma wird vorgelassen, sie lobt die Manieren der Männer: Früher, als noch geschossen wurde in Russland, da wo unsre Soldaten Blitzkriege führten, da hat man gewusst, die Dame hat Vortritt, nun ist aber seit langem Schluss mit Galanterie, weil jetzt macht man die Moslems fett, die kommen her, es schwappt sowas von schlimm rüber, die Negermuselmanen werden noch ein Stück Land abbeißen, so wie’s der Russe getan hat mit Königsberg… Der Metzger sagt: Ist gut, hier hab ich die zehn Scheiben Cervelatwurst, ich hab nicht ewig Zeit… Aufstand im Viertel, Deutschsein heute ist möglich, und wie aber umgehen mit den Syrern im Heim? Die sind alle still und brav, und wenn man es ihnen erlaubt, arbeiten sie wie der Teufel, da kann man nicht meckern. Die Nazis von der Platte an der Autobahnausfahrt sind stinkescheiße, öde Hupen, die können nur saufen und schlagen, was nach Hippie und Hipster aussieht, das nennen die Knaller arischer Widerstand. Endsieg heißt Endsuff, Endlösung ist Ende wegen Leberzirrhose. Manni war mal auf ‘ner Deutschlanddemo, er wählt Pegida, er geht zwar nicht wählen, aber er zieht mit, wenn man ‘n starken Arm zur Fremdenabwehr braucht. Das soll heißen? Manni, unzensiert: Die Oma meint doch, zu viel ist zu viel, die kann nachts nicht auf die Straße, da hat sie Angst vor. Als ich wegen der Demo in Neumünster war, sind die Zecken aufmarschiert, nicht alles kriminelle Kanaken, aber ein paar waren schon mit dabei, da hab ich gedacht, die haben mir gar nix zu befehlen, ich mach in mei ’m Land, was mir passt… Ich gelte für ihn als eine andere Sorte, als Edelnougat, hätte er was zu entscheiden, würde er mir eine Verdienstspange wegen guter Führung anstecken. Ein Müllermann hat sich beim hastigen Futtern verbissen, Blut auf der Lippe, Blut am Kinn, der Metzger reicht ihm eine Serviette, Manni grinst und wird angeschnauzt, zwei massige Kerle stehen Kopf an Kopf gegenüber, das haben sie sich von Fußballspielern abgeschaut. Ich spiele den Friedensrichter, die Oma hat die Wurst in der knittrigen Tüte verstau, und weil aber beim Metzger immer was los ist, stellt sie sich oft an den Beistelltisch und gafft, jetzt sagt sie: Junger Mann, lassen sie nur, früher gab’s tolle Prügeleien… Sie bekommt einen Verweis vom Metzger, sie soll nicht rumspinnen. Oma läuft Amok: Sie verteilt die Cervelatwurstscheiben auf dem Boden. Frau Metzgerin führt sie, ihre Schulter tätschelnd, vor die Tür, ich ahne eine nationale Ansprache voraus, folge ihnen ohne Frikadelle. Oma legt los: Der Jud steckt dahinter, und der Türk sowieso, es wird noch geschehen, dass ein Negerhäuptling Kanzler wird, das Land verdirbt, die Wurst verdirbt, und wir müssen das hinnehmen, wenn mein Mann noch leben würd, hätt er dem Metzger mit einem Donnerschlag ins Gesicht die Laune verdorben… An dieser Stelle mischt sich ein Afrodeutscher ein — hat er auf sein Stichwort gewartet? Er sagt: Ich bin deutsch und helfe Ihnen gerne über die Straße?…Und was passiert? Oma geht rein, kommt raus, schenkt ihm eine Frikadelle. Was ist das jetzt?, denke ich, wollen die mich veräppeln? Manni mutmaßte: Das sind großmütterliche Gefühle!…Omas Schmutz bleibt Schmutz, trotz der fehlgeleiteten Enkelliebe. Viele nette Bekloppte in meinem Viertel, auch ich bin nicht ganz sauber, die Deutschlandfahne hängt bei mir am Fenster, hoch lebe die Monokultur im Fußball! Affekte im Niedriggeistsektor, unteres Niveau und Unterschicht, das passt wie der Arsch auf den Eimer. Die Metzgerin ist noch stinkig wegen Omas Gewaltandrohung, sie knüppelt zurück mit Worten: Mein Mann hätt dein‘ Mann, wenn der noch leben tät, in die Stiefel gestellt! … Der Afrodeutsche Richi, Manni und ich verziehen uns zum Schützenpark, die Säufer haben die Bänke im Schatten belegt, sie reichen uns Pullen, wir lehnen ab, wir schwitzen uns halbtot. Richi und Manni reden über unschwule Deos, ich sehe Kötern beim Kacken zu. In der Hitze gärt das Tier und gärt der Dung. Ich geh nach Hause, glotz die Fahne an. Duschen für Deutschland.

10 Kommentare

  1. Barbara, ,

    Danke für diesen Text, der einem im Halse stecken bleibt. Die Wirklichkeit gut getroffen und mit messerscharfem, ungemütlichem Augenmerk die Situation dargestellt. Sehr gelungen!

  2. Tina, ,

    Lieber Feridun Zaimoglu, wir sind uns ja schon begegnet, ohne dass wir uns je gesehen haben. Ich bleibe jetzt trotzdem mal beim Sie. Ihr Text ist toll. Ihre Sprache macht das traurige Szenario irgendwie schön. Ich denke, schön haben sie´s da, in ihrem Wurstfachgeschäft. Kaputte und schön zugleich. Warum geben Sie diesen Typen diese schöne Kulisse?

    • Feridun Zaimoglu, ,

      Ich tauche gerne ein in gärende Milieus. Es gibt kein falsches und kein richtiges Leben im studentisch-akademischen Milieu. Mittelstand feiert Mittelmaß. Man blättere in den Romanen der deutschen Gegenwartsprosa – und schlage sie zu. Öde Geschichten von Mädchen und Buben, die nix erleben. Die glauben, daß es mitteilenswert sei, daß in ihrer Berlin Mitte-Kackwelt nix geschieht. Knödelkneter. Magazinpuppen. Homospießer. Behornbrillte Werbeknilche. Weg da. Ich such nicht Heil und Heilung, ich will nicht kinderwagenschiebende Stinknormale in meinen Geschichten zu Helden machen. Außerhalb des jungen deutschen Bürgertums wachsen die Worte an den Bäumen.

      • Tina, ,

        Toller letzter Satz. Zur Gegenwartsprosa kann ich wenig sagen. Dazu fehlt mir der Überblick. Ich kann nur sagen, dass ich dieses Bild vom deutschen Mittelstand so nicht teile. Für mich existieren diese gesellschaftlichen Gruppierungen nicht. Ich weiß natürlich, was gemeint ist. Aber wenn ich mich so umschaue, überrascht es mich immer wieder, wo überall die Schwermut liegt, wo die Verzweiflung lauert, wo überall Worte wachsen.

  3. Tina, ,

    Und noch eine andere Frage, die Sie, falls Sie sie beantworten wollen, gerne auch in meinem Blog beantworten können: Wie kam das, dass Sie ohne Computer und Netz leben? Und wie lebt es sich?

    • Stig, ,

      Das würde mich auch interessieren! Richtig merkwürdig, dachte ich, als ich das las. Und habe mich gleich gefragt, was hat der zu verbergen? Das geschah ganz intuitiv, aber natürlich weiß ich, dass das ein absurder Gedanke ist. Man muss ja nicht jeden Luxus (oder jede Last) nutzen. Aber es mutet doch gleich so subversiv an, ein Aussteiger, ein Abgeschotteter.

    • Feridun Zaimoglu, ,

      PC und Netz: Geräte, mehr nicht. Geräte machen Formfleisch. Für das Formfleisch gilt: Ich tippe, die Maschine diktiert. Was findet man im Netz? Das debile Moment der Selbstverortung. Kleine Träume, großes Geschwätz, Geflüster und Gerüchte. Man sitzt auf seinem Arsch, schickt die Seele in den Schirm und wird zum Klugscheißer. Der Allmachtstraum des Deppen: Reagiert auf mich, auch wenn ich vor Dämlichkeit stinke. Der amerikanisierte Fleischautomat setzt auf Fame. Seine Vokabeln: Ich meine, ich denke, ich spüre. Wer wird am meisten geliket? Die doofe Frau, der doofe Mann. Ich möchte nicht geliket oder gehaßt werden. Ich möchte nicht eine Meinung haben. Ich möchte keinen Austausch mit Deppen. Ich interessiere mich nicht für mich. Ich schreibe Geschichten.

  4. Julia, ,

    Gruselig, da sehe ich gleich meine Oma vor mir wie sie Ähnliches brüllt. Deshalb wohl auch beim Fleischer, altbackener geht es kaum. Aber so darf dich nicht die ‚Heimat‘ sein, da muss man was gegen tun.

  5. Caren, ,

    Wie traurig, die Szene. Man sollte auch alte Damen deutlicher zurechtweisen, sonst zieht das Kreise.

  6. Smokey, ,

    Der beste Stoff, ganz klar.

Die Kommentarfunktion wurde abgeschaltet, da der Austausch mit den Autoren und den Lesern zum Thema "Heimatkunde" aktuell für die Bühne bearbeitet wird. Sie können das Ergebnis am 16. & 17. September jeweils um 19.30 Uhr im Theaterhaus Stuttgart erleben.

Karten unter www.theaterhaus.com

Dritter Teil

, 1 Kommentar

Der sechste Platzregen am Kieler Sonntag, ich steh wie ein böser Geist am Fenster und blick auf schokoeislöffelnde Studenten, vom bloßen Gaffen erlahmt der Geist, ich räum den Posten, stürm mit schwerem Müll hinunter auf den Hinterhof, hebe den Deckel des Altpapiercontainers, mit dem Rücken obenauf liegt eine aufgeklappte leere Plastikhülle. Ich sehe: nackte Frauen in Hundestellung. Ich sehe: gespielte Entzückung und Entrückung in den Gesichtern. Ich lese: Der Lohn der Emanzipation. Blutjunge Biester christlich in den Po gesext. Der Wind schlägt den Deckel zu, ich steh wie ein Pony im Regen und blinzele mir das Wasser aus den Augen. Was war das? Mein Altpapier stopf ich in die große Mülltonne, spähe nach Kumpels mit einem Sinn für Prollhumor. Nach einigen Minuten hab ich es satt, mich nassregnen zu lassen, zurück in die Stube. Die Wohnung ist eine Ruine, überall Schutt und Mörtelbrocken in kleinen und großen Säcken, Regale und Möbel sind mit Planen bedeckt, Christo für Arme. Exorzismus, denke ich, perverser Scheiß, wer steckt dahinter? Drehen übel verdrehte Sektenjünger einen Porno als Lehr- und Wehrmaterial? Was wollen sie der Welt mitteilen? Wir schnappen Ketzerhexen, die mit ihrem Afterloch Mücken fangen, wir reißen ihnen wie die Dominikaner im Mittelalter die Kleider vom Leib, wir hetzen schnurrbärtigen Schergen auf das Gezücht des Teufels, wir strafen sie, weil sie sich vom wahren Glauben und von unserer Kirche emanzipiert haben. Unwahrscheinlich. Aber: Die Welt gehört Irren. Eine Stunde später werde ich darin bestärkt: Ein gewisser Mathies stellt sich mir vor dem Spätkauf als interessierter Laie vor. In was interessiert? In dies und das, vor allem in jenes. Ich sage: Wollen Sie mich verarschen? Will er nicht. Er liest keine Bücher, er liest nur die Bilder, er ist sehr besorgt, wegen der vielen Muffmuffen und Hackmacken, die Halbmondäffchen, nein falsch, -fähnchen schwenken in Köln und Berlin, er könnt auf der Stelle mir das Zwiebelmettbrötchen vor die Schuhe kotzen, aber er hätte wohl zwofünfunfneuzig fürs scheiß Brötchen ausgegeben, und würde er kotzen, müsste er schon wieder zwofünfneuzig auf die Münzschale legen. Aha, sage ich, dann kotzen Sie eben nicht. Er verstellt mir den Weg und erklärt: Das ist nicht das Problem, was denken Sie über Ihre Landsmannschaft? Ich täusche rechts vor und springe zur linken Seite, ich versuche, mir im Laufen eine Zigarette anzustecken, und donnere gegen eine kleine Plastiktonne an der Ecke. Der Müllmann wiehert, der eisschleckende Student wiehert. Später stehe ich am Robbenbecken und denke nach: Den Pornofilm haben keine Sektenknaller mit Loch im Kopf gedreht. Irgendein Texterwilli hat sich den Titel ausgedacht. Ich komme zu folgendem Schluss: Wer sich darüber den Kopf zerbricht, ist bescheuert. Mein Schädel gärt, die Robben schwimmen unter Wasser und tauchen nicht auf, ich laufe zum Hauptbahnhof, in dem es auch am Sonntag vor Menschen wimmelt. Ich bin ein Irrenmagnet, natürlich stellt sich der zweite Irre am Ständer mit Kieler Ansichtskarten vor: Hans, das ist mein solider deutscher Name, ich kenne Sie, Sie kennen mich nicht, ich hätte da eine Frage und eine zweite, die erste lautet: Haben Sie eine Putzfrau?, und die zweite: hinterher: Würden Sie mir die Telefonnummer der Dame geben? Ich sage: Nein zur ersten und Nein zur zweiten Frage. Dritte Frage: Sie müssen sie mir aber nicht beantworten: Sind Sie mit dem Fußballer Özil verwandt? Der hat auch solche Glubschbrocken wie Sie. Ich sage: Nein und tschüss. Nachts in der ruinierten Mietwohnung, Möpse kläffen im Treppenhaus, ich starre auf die Filzhausschuhe mit Klettverschluss, ich stecke den großen Onkel durch das große Mottenloch, dann starre ich auf den Zeh, der aussieht wie ein polierter Gnomkopf. Heftiger Platzregen. Möpsegekläff auf der Straße. Ich könnte lesen. Ich könnte schreiben. Ich könnte erst duschen, dann lesen und schreiben. Erst breche ich eine Kante von der Riegelschokolade. Dann lösche ich die Lichter und schließe die Augen. Ich muss mir für den Roman, an dem ich schreibe, vorstellen, wie es ist, blind zu sein. Ich mache den ersten Schritt in der Ruine.

1 Kommentar

  1. Lena, ,

    Das ist aber ein sehr wütender Blick auf die Heimat. Allerdings kein breites Bild auf Deutschland, muss ich sagen.

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Zweiter Teil

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Putschisten, Axtmörder, Sektenjünglinge im Wahn, am Arsch, Schluß damit: Ich verabschiede mich von der kranken Welt, ich will privat bekloppt sein. Nach dem Telefongespräch mit meiner Mutter ruf ich bei Kumpel Stefan an, ich sage: Ein Dampfreiniger deutscher Bauart, das fehlt mir zu meinem Glück, bestellst du ihn für mich, bitte? Er bestellt das Gerät, zwei Tage später wird das schöne Stück geliefert. Ich lese alle einundzwanzig Seiten der Gebrauchsanweisung, ich erfahre: Der 130°C heiße Dampf wird zu den Düsen am Dampfschuh geleitet und auf die zu behandelnde Oberfläche aufgebracht. Die am Dampfschuh angebrachten Mikrofasertücher nehmen den gelösten Schmutz auf. Schön. Ich beginne mit der Montage. Erstens: Ich montiere den Handgriff an das Teleskoprohr und fixiere ihn mit der Schraube (4x28mm). Zweitens: Ich montiere das Teleskoprohr mit dem Handgriff am Dampfgerät und fixiere diese mit der Schraube (6x40mm). Dauert verdammte zehn Minuten, es klappt. Drittens: Ich stecke den Dampfschuh auf das Dampfgerät und fixiere diesen mit der Schraube (4x6mm). Viertens: Ich nehme das Mikrofasertuch meiner Wahl (blau, genoppt) und befestige es mittels Klettverschluss am Dampfschuh. Fünftens: Ich befestige die Netzschlußleitung am Kabelclip unter dem Handgriff. Sechstens: Ich öffne den Klemmhebel, ziehe das Teleskoprohr auf die gewünschte Länge heraus und arretiere es wieder mit dem Klemmhebel. Dann gehts los, nein falsch, ich fülle den Wassertank bis zum Eichstrich, drücke den Stecker in die Steckdose, die Betriebsanzeige leuchtet rot auf. Ich wähle die Dampfstufe zwo, das Gerät schüttert wegen der Pumpstöße, höllisch viel Dampf quillt aus den Düsen, ich lege los, der Boden glänzt, ich bin schweißgebadet und freue mich: kleiner Sied in der Kammer. Die Telefone schrillen, eine Sau läuft Amok, erschießt Frauen und Männer, und entsorgt sich dann selbst. In die Hölle mit dir, denke ich. Hölle ist das Stichwort: Ich spanne das dritte Papier des Tages ein und schreibe weiter an meinem Lutherroman. Was ist nicht nichtdeutsch? Das gute Gerät. Der fromme grobsächsische Luther. Bald werden sie ihn feiern, und wie es sich eben mit Feierstunden und Jubiläen eben so verhält, wird man alles verkitschen. Heute schon gibt man zu: Ja, der gute Mann war nicht maßvoll, er wurde oft hitzig. Ja, der gute Mann mochte keine Juden, Türken, Zigeuner, und ja, den Papst hat er den Antichristen geschimpft. Laßt uns vergessen und beten. Blödes Zeugs, die entbehrlichen Matschköppe der Kirchen werden ganz toll ökumenisch fiebern. Zurück zum Roman, Schnauze halten und schreiben. Frühnachmittagspause bei Marek, dem begnadeten Polen, dem gesegneten Grillmeister von Fleisch am Spieß. Ein Hipster mit Knolle aufm Kopp sagt: Ist schon schlimm, was da passiert, oder? Wir futtern hier friedlich, und dann Bamm, und nochmal Bammbamm, oder? Scheiße, oder? … Ich grübele darüber, ob ich es wagen soll, mit dem Gerät auf dritter Dampfstufe volle Kanone über den Boden zu kacheln. Wird dann der Dampfschuh zerkochen? Wird das Holz splittern? Und was ist mit Luther? Ist der verketzerte Mönch nicht selbst zum Ketzenjäger geworden, später, als er im Schatten des Kurfürsten dick und feist wurde? Der Hipster sagt: Hast du nicht gehört? Machst du dir keine Sorgen? Hast du keine Angst? Ich steh nicht mehr mit vielen Leuten an der Bushaltestelle, oder? Da lock ich doch die Irren an … Ein Mittvierziger, Marke Armabreißer, sagt er soll das Maul halten und das geile Zeug von Marek schaufeln. Der Hipster hat Sojasprossen und Hähnchenstücke auf dem Teller, er stochert darin herum. Gerät und Gebet sind nicht nichtdeutsch, der Knollenknaller kann mich mal. Er sieht aus wie ein Spürhund, er ist auf der Suche nach Drogengaunern, Ethno-Hooligans, Genderbestien und Bamberger Radikalen in der Kieler Südstadt. Der Mittvierziger trommelt auf den satten prallen Bauch. Marek knetet Fleisch an den Spieß. Ich entscheide mich gegen Experimente: Bei bestimmungswidriger Benutzung droht Fehlfunktion. Ich lass das Fleisch einpacken, warte an der Ampel, bis es grün wird, und gehe dann über die Straße.

3 Kommentare

  1. Peter, ,

    Das lässt mich ja fast wahnsinnig werden, die parallel gesetzten Geschehnisse, da fragt man sich, was noch wichtig oder bedeutsam ist und was nicht. Mich würde interessieren, wie es sich da lebt, wenn man ‚konsequent offline‘ lebt wie Sie, Herr Zaimoglu? Hat man dann weniger das Gefühl, man müsste ständig Informationen aufnehmen, auch wenn sie noch so unwichtig scheinen? Kann man sich da vielleicht leichter abschotten? Aber ich glaube, man entzieht sich doch auch einem wichtigen Bereich, so ganz ohne Internet. Da findet nämlich eine andere Form von ‚öffentlicher‘ Diskussion statt!

  2. Caren, ,

    Also einfach ‚Augen zu‘ und ab ins Private und eigene Zuhause? Und das ist dann Heimat so abgeschottet von allem, was unangenehm sein könnte? Man ist halt keine Insel, ist leider nicht so einfach.

    • Wolfgang, ,

      Dazu sollten Sie auch mal die Texte von Frau Müller lesen…

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