Ildikó von Kürthy wurde 1968 als Tochter einer Buchhändlerin und eines Hochschullehrers in Aachen geboren. Nach dem Abitur absolvierte sie die Henri-Nannen-Journalistenschule in Hamburg. Anschließend war sie für die Zeitschrift „Brigitte“ sowie ab 1996 neun Jahre lang für die Zeitschrift „Stern“ tätig.

1999 erschien ihr erfolgreiches Romandebüt „Mondscheintarif“, das 2001 unter der Regie von Ralf Huettner für das Kino verfilmt wurde. Die Gesamtauflage ihrer bislang elf Bücher, die in rund 30 Sprachen übersetzt wurden, beträgt mehr als sechs Millionen.

Ihr jüngstes Buch „Neuland. Wie ich mich selber suchte und jemand ganz anderen fand“ erschien im Dezember 2015 und ist ein humorvoller Selbstversuch auf dem Gebiet der Selbsterfahrung, mit dem sie aktuell auf Lesetour ist.

Dem Publikum des Theaterhaus Stuttgart ist Ildikó von Kürthy nicht nur durch ihre Lesungen, sondern auch durch eine erfolgreiche TH-Schauspielproduktion bekannt. Im Dezember 2011 kam die Bühnenfassung von „Mondscheintarif“ mit Katja Schmidt-Oehm als Protagonistin auf die Bühne und lief knapp fünf Jahre im Spielplan des Hauses.

Im März 2016 wurde ihr erstes Theaterstück „Liebeslügen oder Treue ist auch keine Lösung“ in Hamburg uraufgeführt, wo die Autorin mit ihrem Ehemann und ihren zwei Söhnen lebt.

Heimweh

, 4 Kommentare

Vielleicht ist dies der richtige Moment, einmal meinen Überdruss zu schildern – mit manchen Lesern, mit manchen Kritikern, mit manchen Zuschauern. Seit ich schreibe, wird mir immer wieder in ermüdender Regelmäßigkeit vorgeworfen, meine Bücher, meine Stücke oder ich selbst seien oberflächlich, fahrlässig romantisch und kindlich unreflektiert.
Hier, in diesem Blog, wurde ich nun gefragt, ob ich mich dafür rechtfertigen müsse.
Ich denke überhaupt nicht daran. Gibt es denn eine Verpflichtung, von der ich nichts mitbekommen habe, dass sich der Schriftsteller in bewegten und bedrückenden Zeiten ausschließlich mit der Krise befassen darf? Sind Texte, die sich nicht mit dem Leid der Flüchtlinge, mit der Angst vor Terror und der bedrohlichen politischen Situation befassen, automatisch minderwertig und zum Abschuss durch sogenannte Intellektuelle freigegeben? Glaubt ihr gebildeten, belesenen und kritisch denkenden Menschen denn wirklich, mein Herz und mein Hirn seien frei von Sorge, von Mitleid und von Wissen um die Umstände, in denen ich lebe, bloß weil ich mir erlaube, über meine Kindheit und meine romantisierte und unstillbare Sehnsucht nach meiner verlorenen Heimat zu schreiben – die nicht in einem Kriegsgebiet liegt, und die ich nicht unter Lebensgefahr verlassen musste?
Es war doch seit je her auch die vornehmste Pflicht der Kunst, die Menschen für Momente ihrem Elend zu entreißen und gut zu unterhalten. Ich habe mich nie geschämt dafür, dass Frauen manchmal Tränen lachen, wenn sie in meine Aufführungen kommen, dass sie sich selbst wiedererkennen in meinen Büchern, sich wohlwollend begleitet fühlen, liebevoll ertappt und, ja, auch abgelenkt von den großen Problemen der Welt, die nichts daran ändern, dass wir dennoch unter unseren vergleichbar kleinen Sorgen leiden.
Ich werde oft gefragt, ob mich die negative Kritik der Intellektuellen schmerze. Was für eine alberne Frage! Wenn ein veganer Restaurantkritiker in ein Steakhaus geht, wundert sich doch auch niemand, dass es ihm nicht schmeckt. Zu Recht beschwert sich niemand bei Martin Walser oder Botho Strauß darüber, warum sie nicht endlich mal einen heiteren Frauenroman schreiben. Sie wollen es nicht, wahrscheinlich können sie es auch gar nicht. Und mir ist es nicht gegeben, ein ergreifendes Gedicht oder einen fachkundigen Text über die politischen Katastrophen dieser Welt zu schreiben.
Aber zum Glück gibt es in den Bücherregalen und auf den Bühnen unseres Landes genügend Platz für die verschiedensten Talente. Auch für meines. Dafür bin ich dankbar.
Und jetzt will ich von dem heimwehkranken, kleinen Jungen erzählen, einem Freund meines Sohnes, der neulich bei uns übernachten wollte.
Es ist kurz vor Mitternacht, als der tapfere kleine Kerl mit seinem Kuscheltier im Arm in mein Schlafzimmer kommt und sagt: „Es tut mir leid, aber ich schaffe es nicht.“ Der Neunjährige legt sich einen Moment lang zu mir ins Bett, während ich die Nummer seiner Mutter wähle. Und dann ziehen wir los, das Kind und ich, beide im Schlafanzug und in Pantoffeln, und tapsen durch die Nacht. Er wohnt keine zweihundert Meter von uns entfernt, aber sein Heimweh ist unerträglich, und er schämt sich seiner Tränen.
„Heimweh ist etwas Wunderbares“, sage ich ihm, als wir an seiner Haustür klingeln. „Heimweh kann man nur haben, wenn man ein Heim hat, nach dem es sich zu sehnen lohnt.“ Vermutlich formuliere ich das etwas kindgerechter, hoffe ich zumindest. Wir gehen die Treppe hoch, der kleine Junge wird von seiner Schwester in Empfang genommen und mit den Hausschuhen streift er seinen Kummer und seine Sehnsucht ab, geht ins Bett und schläft augenblicklich ein.
Ich denke auf dem Nachhauseweg, und das wird vielleicht die Weltpolitiker unter meinen Lesern besänftigen, an die Kinder, die ihr Heimweh nicht stillen können, weil sie keine Heimat mehr haben, in die sie zurückkehren konnten. Und ich denke an meine Sommerferien, die ich in diesem Jahr in Ungarn verbracht habe. Zum ersten Mal nach dreißig Jahren fuhr ich zurück in das Heimatland meines Vaters und den Ort meiner unendlich langen Kinderferien und machte mich auf die Suche nach Erinnerungen, um meine Sehnsucht zu stillen.
Der See roch so wie früher, und an der Straße stieß ich auf ein verfallenes Haus, in dem ich mit meinen Eltern viele Sommer lang gewohnt hatte. Am Strand standen noch ein paar große, alte Bäume, die uns damals schon Schatten spendeten, und das Wasser war immer noch so weich und warm wie die Arme meiner Mutter. Ich war glücklich und bewegt. Aber gebracht hat es nichts. Meine Heimat ist kein Ort, an den ich zurückehren kann. Er liegt nicht in Trümmern, aber er liegt in der Vergangenheit.
Ich gehe ins Bett, und wenig später kommt mein Sohn schlaftrunken herein. Er hat schlecht geträumt, legt sich zu mir und schläft sofort in meinen Armen ein, seine Nase an meinem Hals. Ich bin eine Heimat, denke ich, und folge ihm glücklich.

4 Kommentare

  1. Christine Becker, ,

    Liebe Frau Kürthy,
    ich liebe Ihren sanften, durchdachten Beitrag und ihre leichte und gleichzeitig tiefe Sprache. Heimat ist etwas Schönes und Besonderes und jeder Mensch verbindet etwas anderes, sehr Persönliches damit. Danke, dass sie die Gefühle ihres kleinen Kurzzeitmitbewohners respektiert haben und ihn die 200 Meter zurück in seine Heimat gebracht haben. Es gibt genug Herzensleid in dieser Welt, für das es aktuell keine schnelle Lösung gibt.
    Ob Sie sich für Ihre Arbeit rechtfertigen müssen? Nein – warum!?
    Herzlichen Gruß
    Christine Becker

  2. Nadine Behrens, ,

    Liebe Ildiko,
    Die Gesellschaft will immer höher, besser schneller, weiter, kluger, reifer etc. sein. Auf der Strecke bleibt das Gefühl, der Stillstand, die Ruhe und was mir persönlich ganz wichtig ist, die Selbstreflektion. Daher glaube ich, kommt Kritik an Leichtem, wie dem Ihrem. Sei es nun in Wort, Schrift oder Tat. Bitte niemals rechtfertigen, wenn die Öffentlichkeit danach ruft…. Recht macht man es doch niemals allen.
    In diesem Sinne, erheitern Sie ruhig weiter…..

  3. Ingrid Horn, ,

    Sehr geehrte Frau Kürthy, Ich finde es toll, bemerkenswert, wie Sie Ihren „Frust“ heruntergeschrieben haben, und es hat mich tief beeindruckt. Man kann es nie allen recht machen, aber man muss lernen, mit Anstand zu akzeptieren und kritisieren.. Ich möchte Ihnen sagen, dass ich Sie bewundere, wie Sie Ihre Romane schreiben, und würde gern ein kleines bisschen so können. Ich versuche auch, die Lebensgeschichte meiner Eltern zu schreiben bis in die heutige Zeit. Ich würde es gern dann einmal meinen Enkeln schenken. Ihre Episode mit dem kleinen Jungen, der bei Ihrem Jungen geschlafen hat, erinnert mich in gleicher Weise an meinen Sohn und jetzt wieder an seinen, meinen kleinen Enkel. Ich möchte Ihnen Danke sagen, für die vielen schönen Momente, die ich mit Ihren Büchern erlebt habe und freue mich und lache manchmal so herzlich darüber. Das musste ich Ihnen schreiben. Ich wünsche Ihnen alles Gute und noch viele Ideen für weitere Bücher. Herzliche Grüße

  4. Regine Mang, ,

    Liebe Frau Kürthy!
    Ich habe ALLE Ihre Bücher (als Hörbuch) und kann schon mitsprechen, weil ich mir die CDs immer und immer wieder anhöre. Eine CD kam durch das ewige Anhören sogar schon zu Tode 🙂

    1.: ich bin aus Wien und liebe Hamburg, bin sehr oft dort, will dort auch hinziehen und arbeiten – d.h. wenn Sie einen Platz/Stelle etc in HH beschreiben, weiss ich meist genau, wo der ist

    2.: Ausserdem denke immer, Sie schreiben über MICH – da trifft und passt einfach ALLES auf mich zu! Es ist so unglaublich….

    3.: Ihre Aussagen finde ich zum Totlachen und vor allem realistisch (zu)treffend! Zitiere meinen Lieblingsspruch von ‚ihrer‘ Tante Rosemarie: ‚Willst du was gelten, mach dich selten!‘ – der wirkt und stimmt tatsächlich…

    Schade, dass Sie keine Lesungen in Wien halten, würde mich gerne mal mit Ihnen unterhalten und Sie würden die Person (mich) kennenlernen, über die Sie seit Jahren schreiben 🙂 😉

    Bitte bald wieder ein (Hör)Buch !!!!! Danke und herzliche Grüße aus Wien, Regine

Die Kommentarfunktion wurde abgeschaltet, da der Austausch mit den Autoren und den Lesern zum Thema "Heimatkunde" aktuell für die Bühne bearbeitet wird. Sie können das Ergebnis am 16. & 17. September jeweils um 19.30 Uhr im Theaterhaus Stuttgart erleben.

Karten unter www.theaterhaus.com

Heimatgerüche

, 17 Kommentare

Heimat geht durch die Nase. Pfannekuchen zum Beispiel. Oder frisch gemähtes Gras. Quittenmarmelade, Luftmatratzen, heißer Asphalt, die zerlesenen Seiten alter Bücher. Gerüche, die mich zuverlässig zurückversetzen in eine Zeit, als ich noch Milchzähne und den Eindruck hatte, mein Leben und das derer, die ich liebte, sei unendlich lang und unendlich schön.
Ich habe mehrere Heimaten, und der Weg zu meiner ersten führt durch das Langzeitgedächtnis in die Kiste mit den Kindheitserinnerungen. Ich habe nichts gegen meine frühen Erinnerungen. Im Gegenteil. Ich habe den massiven Eindruck, dass früher alles besser war. An Weihnachten lag immer Schnee, ich bekam stets genau das, was ich mir gewünscht hatte und über der gesamten, idyllischen Szenerie lag der Duft von frisch gebackenen Vanillekipferln.
Meine Recherchen haben jedoch ergeben: So war es nicht.
Aachen, meine Heimatstadt, belegt zusammen mit meinem jetzigen Wohnort Hamburg den letzten Platz auf der Liste der Städte, in denen man auf weiße Weihnachten auch nur ansatzweise hoffen sollte. Durchschnittlich warme Heilige Abende unterscheiden sich bei uns von durchschnittlich kühlen Sommerabenden nur dadurch, dass es früher dunkel wird. Dreizehn Grad begleitet von ergiebigen Regenschauern sind in beiden Städten das Ganzjahreswetter.
Meine Eltern, auch hier trügen mich meine glücklichen Erinnerungen, waren bedauerlicherweise überzeugte Anhänger von Holzspielzeug und anspruchsvoller Kinderliteratur wie Die wunderbare Reise des Nils Holgersson mit den Wildgänsen oder Sagen des klassischen Altertums. Ich dagegen favorisierte blonde Barbie-Puppen auf rosa Plastikpferden und Batman-Comics.
Ein ungelöster, innerer Konflikt bis heute.
Und, ich muss es im Sinne einer überfälligen Vergangenheitsbewältigung hier so offen sagen: Meine Mutter konnte sehr schlecht backen und hat das „Ich nehme die Backmischung und vergesse dann noch die einzige Zutat, die man selbsttätig hinzugeben muss“-Gen an mich weitergegeben.
War meine Kindheit womöglich gar nicht so glücklich, wie ich glaube? Ist diese Heimat womöglich nur eine alberne Illusion, ein Stückwerk aus falschen Erinnerungen? Gaukelt mir mein Langzeitgedächtnis eine Vergangenheit vor, die es so gar nicht gegeben hat?
Es ist nämlich so: Das Gedächtnis speichert das Außergewöhnliche.
Wir erinnern uns an das eine Weihnachten mit Schnee besser, als an die vielen ohne. Genauso wie wir die verregneten, langweiligen Ferientage vergessen und die sonnigen im Gedächtnis behalten.
Deswegen sind Kindheits- und Jugenderinnerungen so intensiv und so häufig: Weil so vieles, was uns in dieser Zeit begegnet neu und besonders ist. Der erste Urlaub am Meer. Der erste Liebeskummer. Die erste Flugreise. Der heilige Abend, an dem ich diesen unglaublich großen, weichen, braunen Stoffbären bekommen habe. Der Tag, an dem meine Großmutter beerdigt wurde und ich nicht verstand, warum ich nicht wenigstens einen Knochen von ihr als Andenken behalten durfte.
Unvergesslich.
Fast jeder, der nach dem Buch gefragt wird, dass ihn am meisten beeindruckt hat, wählt eines, dass er vor seinem dreiundzwanzigsten Lebensjahr gelesen hat. Und meistens ist Siddhartha von Hermann Hesse, Homo Faber von Max Frisch oder Die unendliche Geschichte von Michael Ende darunter.
Und die meisten Menschen idealisieren die Musik, die sie als Teenager gehört haben und sind der festen Überzeugung, dass bald nach Nena die Qualität dramatisch abgenommen habe und eigentlich nichts Hörenswertes mehr produziert wurde. Und, jetzt mal ehrlich: Nach Reinhard Mey, Whitney Houston, David Bowie und Hubert Kah kam ja auch wirklich nicht mehr viel.
Früher war nicht alles besser. Natürlich nicht. Aber früher war alles neu.
Der erste verknutschte Sonnenuntergang: Romantisch! Später denkst Du dann auch zuweilen ernüchtert: „Kennst Du einen, kennst Du alle.“
Der erste Geschlechtsverkehr ist in der Regel ein eindrucksvolles, wenn auch nicht immer angenehmes Ereignis. Jahre später schaut man dabei schon mal unauffällig auf die Uhr oder denkt an Klaus Kleber.
Gewöhnung setzt ein, unvermeidlich, und dann legen sie los, die Furien des Vergessens, wie Hegel sie nannte, schmeißen alles raus aus deinem Hirn, was schon mal so oder so ähnlich da war.
Vielleicht ist meine Kindheit nur glücklich, weil ich so ein schlechtes Gedächtnis habe? Bin ich etwa nicht in einem von Licht durchfluteten, palastartigen Gebäude mit imposanter Freitreppe groß geworden?
Ich beschloss, das zu überprüfen. Ich stellte mir vor das alte Haus, in dem ich aufgewachsen bin und überließ mich, wie immer, wenn ich meine erste, alte Heimat besuche, der Wehmut und dem mitreißenden Gefühl von Unwiederbringlichkeit.
Der jetzige Besitzer des Hauses erkannte mich, wie ich da so vom uralten Jammer beflügelt auf dem Bordstein stand, und bat mich herein in ein winziges Häuslein mit niedrigen Decken und kleinen Fenstern. Eine schmale Stiege führt nach oben in mein ehemaliges Kinderzimmer, in das nie die Sonne scheint.
Die Decken im Wohnzimmer kamen mir früher viel höher vor und die Flügeltüren, die sich in meiner Erinnerung opulent auf eine strahlend helle Terrasse öffneten, sind realistisch gesehen eher schmale Luken, durch die man sich auf eine, mit Waschbeton ausgelegte Freifläche zwängen kann. Der Quittenbaum im Garten ist ein knöchriger Busch und an den stattlichen Birnbaum erinnert nur noch ein fauliger Stumpf im Rasen.
Mein Kindheits-Palast schrumpfte zusammen auf das, was er war: Ein schlecht isoliertes Giebelhaus aus den fünfziger Jahren mit bemoostem Dach, kleinen Fenstern und schattigen Zimmern. Ich war enttäuscht. Zunächst.
Ich ging zurück auf die Straße, warf noch einen Blick zurück und bemerkte da bereits, dass sich meine Kindheits-Erinnerung von der Erwachsenen-Realität nicht unnötig beeinflussen lassen würde.
Kaum hatte ich dem kleinen Häuschen mit dem roten Dach in der Karl-Friedrich-Straße den Rücken zugekehrt, übernahm mein Gedächtnis wieder die Oberhand in meinem Hirn und überschrieb ungerührt das, was ich gerade gesehen hatte, mit dem, woran ich mich erinnern wollte und was seit dreißig Jahren die tonangebenden Bilder in meinem Kopf sind.
Und das hat ja auch der einzigartige Reinhard Mey bereits vor dreißig Jahren sehr ergreifend gesungen: „Erinnerungen sind vor allem in uns und nicht an irgendeinem Ort.“
Heimat auch. Heimat kommt von innen. Meine Heimat, das ist ein von Sonnenlichtlicht durchfluteter Palast mit imposanter Freitreppe. Mit einem Quittenbaum im Garten, üppig und wunderschön.

17 Kommentare

  1. Elly, ,

    Kennst Du einen, kennst du alle? Ich weiß nicht… manchmal denke ich mir, das müsste doch mal endlich passieren, dass mich das nicht mehr so aus den Latschen kippen lässt. Passiert aber immer wieder. Auch aktuell… seufz… ich bin vielleicht zu unruhig… Ist das schlecht, ist das gut? Jedenfalls fällt mir dazu ein, dass das etwas ist, was meinem Heimatgefühl den Boden wegzieht. Diese Unruhe. Ich bin so oft in meinem Leben umgezogen. Keine Paläste,. sondern eher Zirkuswagen. Das ist mein Heimatideal.

  2. Rabia, ,

    Es ist zwar verständlich dass man all das, das Haus in dem man aufgewachsen ist, den liebsten Kinderspielplatz, das Essen von Mama oder die alten Kinderspielzeuge, mit Erinnerungen verbindet, an das Gefühl von Unbekümmertheit, Sicherheit und Sorglosigkeit. Aber so hebt man Vergangenes als ein unerreichbares Ideal hoch! Dabei empfindet man doch auch später noch oft so. So oft könnten wir Positives aufnehmen und uns später vielleicht mal dran erinnern, so wie man es als Kind auch gemacht hat. Man hat einfach weniger über alles nachgedacht. Bzw über anderes. Auf jeden Fall weniger über sich selbst und über wechselnde Befindlichkeiten und Launen

  3. henning, ,

    an rabia
    zwar interessant gedacht, dass man als kind positives intensiv wahrgenommen hat, dass man die kunst der unbekümmertheit nicht verlernen soll sobald man älter wird – aber selbstreflexion ist etwas sehr wichtiges und man reflektiert eben mehr wenn man älter ist. viel negatives, viele unsicherheiten resultieren bestimmt daraus, aber wichtig ist das allemal. so unbekümmert wie als kind kann man sich als erwachsener nicht verhalten, man muss sich eben um vieles kümmern. man kann nicht mehr so sorglos sein, weil sich die eltern nicht mehr um einen sorgen, dass muss man selbst tun. und selbstreflexion ist die erste grundvoraussetzung eines prozesses, durch den man es erst lernt, alles so hinzubekommen, dass man mit allem glücklich sein kann.

    • Petra, ,

      Der Text von Frau von Kürthy stimmt mich wehmütig.
      Ich bin nach Jahren im Norden nach Westfalen zurückgekehrt, an einen Ort, den ich für meine Heimat hielt. Ich stellte fest, dass doch alles ein bisschen anders war als in meiner Erinnerung: die vertrauten Menschen waren nicht mehr (alle) da, da war niemand mehr, der einem Pfannkuchen backt. Und so stellte ich mir unweigerlich die Frage, ob es an diesem Ort schon noch schon immer so war, eine austauschbare Kleinstadt, die erst durch liebe Menschen und Familie belebt wird.
      Ist meine Erinnerung an meine Heimat die Erinnerung an ein Ideal, das es nie wirklich gegeben hat? Aber kann man das überprüfen, indem man an die Orte seiner Kindheit reist, ins alte Haus der Eltern – in die alte Heimatstadt?
      Oder ist Heimatgefühl nicht immer ein Prozess und etwas, das sich erst einschleicht, erst im Rückblick entsteht, das also immer mit Sehnsucht verbunden ist? Zumindest erinnere ich mich gut daran, dass ich das alles als Kind nicht als ‚Ideal‘ empfand. ‚Heimat‘ war für mich damals vielleicht der sichere Ort, von dem aus ich nach vorne blicken konnte, also gerade der Ort, von dem aus es möglich schien, alles so hinzubekommen, dass man mit allem glücklich sein kann, wie Henning schreibt.

      • Elly, ,

        Das ist das Problem mit den Westfalen: Die sind so stur, da kommt man nicht zwischen. Da habe ich selbst meine Erfahrungen mit gemacht, Heimat hat eben schon auch was mit regionalen Charakterzügen der Menschen zu tun. Und die gibt es!

  4. Michael, ,

    Das ist ein romantischer Blick auf Heimat. Wie passt das zu den drastischeren Texten der anderen Autoren? Ich will ja gar nicht dagegen an, dass DAS nicht auch Heimat sein kann, aber man bekommt gleich das Gefühl, dass man da irgendwie kritisch ran muss. Da fragt man sich, ob es noch möglich ist, dass so unterschiedliche Heimatbegriffe nebeneinander bestehen können; ob sich SO ein Heimatbegriff nicht immer gleich rechtfertigen muss. Und das wäre traurig.

    • Bea, ,

      Warum sollte man sich rechtfertigen müssen? Soll doch jeder so an Heimat denken, wie er will. Ein romantischer Blick ist doch was wunderbares, man muss ja nicht immer nur die Probleme in den Blick nehmen.

      • Peter, ,

        Das stimmt. Aber außer acht lassen kann man sie doch heute auch nicht…

  5. So So Aha, ,

    Wir erinnern doch das, was uns immer wieder erzählt wird: So soll Heimat sein, so soll Kindheit sein. Und siehe da, irgendwann ist sie das auch ein bisschen geworden. Nur irgendwann fällt einem auf, ich hatte ja die fast genau gleiche Jugend wie du. Ich errinnere mich an fast die gleichen Düfte wie du. Und an das gleiche Gefühl von Sommerurlaub auf dem Bauernhof. Und dann stellt man fest, wir haben beide sehr viele Pferderomane gelesen.

    • Anne, ,

      …ist das daher aber schlecht? Ich kann es deinem Kommentar nicht ganz entnehmen. Im Grunde müsste es uns alle doch verbinden, wenn wir feststellen, dass da enorme Gemeinsamkeiten bestehen. Ich glaube, dass verbindet aber erst ab einem gewissen Alter.

      • So So Aha, ,

        Muss nicht unbedingt schlecht sein. Nur halt vorprogrammiert. Wir leben alle in Bahnen.

        • Anne, ,

          Das stimmt. Na, eigentlich sollte uns das ja einen. Aber jeder nimmt sich wohl doch zu wichtig.

  6. Karin Lea Bonsfeld, ,

    Hallo Frau Kürty, ich weiß nicht, ob Sie sich an mich erinnern. Ich war bei Ihrer Lesung im Savoy-Theater in Düsseldorf. Gott, ist das schon wieder lange her… Das war 2014? Unter dem Herzen? Jedenfalls haben wir danach noch was in der Kneipe um die Ecke getrunken. Das heißt, ich war mit ein paar Freundinnen unterwegs und habe getrunken und Sie haben nicht getrunken, waren aber auch in der gleichen Lokalität. Und da haben wir nämlich – das fiel mir beim Lesen des Artikel, den Sie geschrieben haben, ein – über die Gerüche gesprochen. Von Eckkneipen und von bestimmten Regionen, ländlichen und anderen Regionen, und eigentlich also über Heimatgerüche, wenn man so will. Ich war übrigens die Blonde, mit der großen auffälligen Brille, der Sie dann noch ein Autogramm auf den Bierdeckel gegeben haben, weil ich das Buch im Theater hab liegen lassen. Den Deckel habe ich übrigens immer noch. Ich freue mich, wenn wir uns mal wieder begegnen. Leider komme ich im Moment so wenig vor die Tür, weil mich meine Süßen Kleinen nicht aus den Augen lassen (die sind jetzt 2 & 5). Aber das wird ja jetzt langsam besser, hab ich mir sagen lassen, und dann sehen wir uns bestimmt wieder. Viele Grüße, Karin Lea Bonsfeld

  7. Kirsten Heinrich, ,

    Es ist ein sehr schöner Text über Heimat. Es stellt für mich bildlich die Unbeschwertheit meiner Kindheit dar. Fast eins zu eins. Das ist doch genau das, was dich rettet, wenn es dir nicht gut geht. Man sucht in sich nach Heimat. Geborgenheit. Gewohnten, liebgewordenen Eindrücken. Gut, wenn man das in sich findet. Ich glaube, jeder findet auch negative Erinnerungen an die Kindheit wieder in sich, der eine mehr, der andere weniger. Um so bedeutsamer, dass man die positiven Erinnerungen noch deutlich in sich spürt. Damals wie heute ist das oft der Rettungsanker. Manchmal, wenn mir alles über den Kopf wächst, wünsche ich mir sehnlichst, fünf Jahre alt zu sein und in meinem Kinderzimmer zu wohnen. Der Wunsch nach der Unbeschwertheit, nach „ohne Verantwortung“, nach „Unwissen, wie schlecht die Welt sein kann“. Da find ich so einen romantischen Rückblick auf Heimat genauso rettend wie den guten Gedanken, der Peter Pan beim Fliegen hilft.

  8. Sandra Dintelmann-Pabst, ,

    Wie immer sehr lesenswert geschrieben.

    Und es bestätigt mich, vor 15 Jahren aus meiner Heimat der Liebe wegen weg gezogen, einmal mehr darin, meine Erinnerungen so zu belassen (nicht zu hinterfragen oder gar korrigieren zu wollen) und somit auch meinen Kindern nun eine ähnlich schöne Kindheit zu ermöglichen, mit langen von Lachen geprägten gemeinsamen Abendessen und viel Licht und Sonne in den Kinderzimmern und -herzen.

    Vielen Dank dafür!

  9. So So Aha, ,

    Wo sind eigentlich meine Kommentare zu diesem Text? Wo sind sie geblieben? Wird hier gefiltert?

Die Kommentarfunktion wurde abgeschaltet, da der Austausch mit den Autoren und den Lesern zum Thema "Heimatkunde" aktuell für die Bühne bearbeitet wird. Sie können das Ergebnis am 16. & 17. September jeweils um 19.30 Uhr im Theaterhaus Stuttgart erleben.

Karten unter www.theaterhaus.com

Heimatstadt

, 3 Kommentare

Ich trage Verantwortung und gebügelte Blusen. Ich habe zwei Söhne geboren und darf einen Mann an Orten der Begegnung mit „das ist mein Mann“ vorstellen. Ich habe schon ewig lange keine Eltern mehr, dafür aber eine IBAN-Nummer und Zahnzwischenraumbürstchen in verschiedenen Größen.

Ich brauche eine Gleitsichtbrille und morgens immer länger, um mich zu entknittern und in Gang zu kommen. Mehr als mein halbes Leben ist vorbei – aber es ist mir nicht gelungen, erwachsen zu werden und die Sehnsucht nach früher abzuschütteln.

Das spüre ich besonders, wenn ich in die blanken Augen meiner rosafarbenen, fadenscheinigen Stoffmaus Rosalinde blicke, die mich seit drei Jahrzehnten begleitet, oder wenn ich in meine Heimatstadt Aachen fahre. Dann taucht kurz vorm Ziel ein Braunkohlekraftwerk auf, grau und hässlich, aber für mich eines der schönsten Bauwerke, die ich kenne. Denn jetzt ist es nicht mehr weit bis dahin, wo ich mal zu Hause war, als die Sommer noch endlos waren, die Füße keine Hornhaut und das Essen keine Kalorien hatte.

Die Sehnsucht nach Heimat fühlt sich in meiner Kinderseele an wie der Durst am Morgen nach einer durchzechten Nacht: unstillbar. Nicht zu löschen. Verbunden mit dem stillen Schmerz, der stets die Erinnerung an das Unwiederbringliche begleitet.

Ich bin eine sentimentale, alte Kuh. Das stört mich nicht. Ich verreise mit meiner persönlichen Bettwurst, ein unförmiges Kissen, das mir überall auf der Welt das Gefühl vermittelt, ich sei daheim.

Rührselig werde ich zu den unpassendsten Gelegenheiten. Neulich zum Beispiel, als ich Heidi kennenlernte.

Ich sah in ihre treuen, blutunterlaufenen Augen. Ein Sabberfaden, in dem sich einige halbverdaute Grashalme befanden, senkte sich langsam von ihrem Maul herab. Sie legte den riesigen Kopf auf ihre Pfoten und seufzte zufrieden – vielleicht hatte sie auch nur gepupst.

Heidi ist eine deutsche Dogge, die wir an einem der letzten schönen Spätsommertage am Ostseestrand trafen.

Mein kleiner Sohn reichte ihr bis zur Schulter, mein großer Sohn rief „Sitz!“, woraufhin sich Heidi auf seine Füße fallen ließ, die Beine in die Luft streckte und sich den Bauch kraulen ließ.

Ich sagte: „Heidi, gib Pfote.“

Heidi tat nichts dergleichen, legte aber den Kopf schief, sabberte noch einmal ausgiebig und erinnerte mich schmerzlich an mein Hundchen, das vor meinen Augen überfahren wurde, bevor es ein Jahr alt wurde. Ich war damals zwölf. Ein schlimmes Trauma und eine große Sehnsucht, denn bis heute gehört für mich zu einem kompletten und behaglichen Heim ein Hund, der sich freut, wenn ich nach Hause komme, der im Traum auf Entenjagd geht und dabei schmatzt, der dich zwingt, abends noch mal rauszugehen, und der jeden Einbrecher freundlich wedelnd und mit einem Stöckchen im Maul begrüßen würde, dir aber trotzdem ein Gefühl der Sicherheit vermittelt.

Heimat ist da, wo der Pansen im Küchenschrank neben der Kondensmilch steht. Heimat ist da, wo dir die Namen auf den Grabsteinen Geschichten erzählen. Wo auf dem Friedhof unter pflegeleichtem Immergrün die Frau liegt, bei der du als Kind Brausebonbons gekauft hast, gleich neben der wunderbaren Nachbarin, die bis heute unerreichte Weihnachtskekse gebacken hat. Heimat ist da, wo du alte Leute kennst, wo die Telefonnummern fünfstellig sind und wo an Straßenecken und in alten Bäumen zahllose Erinnerungen hausen an die Zeit, in der die Dinge noch zum ersten Mal geschahen.

Sehnsucht ist nicht tot zu kriegen.

3 Kommentare

  1. Anny Schilling, ,

    Dieser Text zeigt auf feine Weise, dass sich Heimatgefühl aus vielen kleinen, scheinbar unbedeutenden Dingen zusammensetzt. Wie Perlen, die sich zu einer schönen Kette zusammenfügen. Meine Heimatkette beginnt mit der Farbe Orange. Aufgewachsen im Ruhrpott ist die Farbe Orange fester Bestandteil des Himmels, auch dann, wenn die Sonne schon längst im Westen verstaubt ist. Orange leuchtet der Himmel bei jedem Stahlabstich im Hochofen. „Das Christkind backt Kekse“ ist der angestammte Spruch der Eltern für die kleinen Kinder, damit diese Verfärbung überhaubt erst keine Angst hervorruft. Dieses warme, satte Orange steht für mich stellvertretend für die Wärme, Herzlichkeit und Offenheit der vielen Menschen in meiner Heimat Ruhrpott. Hier habe ich schon als Grundschulkind mit den Schülern mit türkischen Migrationshintergrund Ringelreihen getanzt und bevor es Börek und Pide an jeder Strassenecke zu kaufen gab, garantierten diese Gerichte auf jedem Schulfest Vielfalt, Neues und Abwechslung. Hier habe ich von Grund auf und mit einer positiven Selbstverständlichkeit gelernt, dass verschiedene Kulturen in Respekt miteinander funktionieren können. Das wünsche ich mir heute für unsere Gesellschaft, die für so viele Menschen neue Heimat sein soll. Und für die, die sehnsuchtsvoll in den Himmel schauen und „ihr“ Orange vermissen, wie ich.

    • Laura, ,

      Liebe Frau Schilling, da kennt man aus dem Ruhrgebiet aber auch andere Geschichten, leider. So nimmt jeder Regionen anders wahr. Die Offenheit der Ruhrgebietler habe ich als Norddeutsche auch immer eher aufdringlich erschienen. Da kommt man erst mit reiferem Alter dahinter… Beste Grüße ins Ruhrgebiet!

  2. Jasmin, ,

    Liebe Frau von Kürthy, ich muss gestehen, ich weiß nicht allzu viel über ihr Leben. Sie sind in Aachen aufgewachsen und nach Hamburg gezogen, Heimat scheint für sie vor allem ein Gefühl aus Kindertagen zu sein und sie von der Sehnsucht nach dem Alten eingenommen, nach der Kindheit. Wie verhält es sich aber mit der nachfolgenden Generation, ihren Kindern z.B., die nun, überspitzt gesagt, woanders zuhause sind als sie. Ich frage, weil ich mich noch gut daran erinnern kann, wie schockiert ich war, als ich ‚erwachsen‘ (oder älter) wurde und merkte: Bei Mutter/ Großmutter fühlst du dich zwar zuhause, ihre eigene Heimat, der Ort, an dem sie sich geborgen fühlt, liegt aber (weil die Familie im Krieg geflohen ist) weit, weit entfernt. Das machte mir alle auf einmal fremd. Bonbonfrau und Nachbarin weisen ihnen womöglich nicht denselben Platz im Herzen zu wie sie. Aber sollte Heimat nicht Generationen verbinden? Oder ist diese Zeit vorbei, jetzt wo die Menschen nicht mehr über Generationen an einem Ort bleiben?

Die Kommentarfunktion wurde abgeschaltet, da der Austausch mit den Autoren und den Lesern zum Thema "Heimatkunde" aktuell für die Bühne bearbeitet wird. Sie können das Ergebnis am 16. & 17. September jeweils um 19.30 Uhr im Theaterhaus Stuttgart erleben.

Karten unter www.theaterhaus.com