Suleman Taufiq ist ein deutsch-syrischer Autor und als Lyriker, Erzähler, Musikkritiker tätig. 1953 geboren, verlebte Taufiq seine Kindheit in Damaskus, um nach dem Abitur ein Studium der Philosophie und Komparistik in Deutschland aufzunehmen. Sein erster Gedichtband in deutscher Sprache erschien 1978. Seit 1980 lebt er als freier Schriftsteller in Aachen. Sein Werk umfasst inzwichen mehr als 32 Titel, im Dezember 2015 erschien sein Roman „Cafe Dunya – Ein Tag in Damaskus“. Der Schriftsteller, der sich sowohl in der deutschen wie in der arabischen Welt bewegt, hat viele wichtige arabische Werke ins Deutsche übersetzt (u.a. Adonis: „Der Baum des Orients“) und überträgt zahlreiche deutsche Dichter ins Arabische. Darüber hinaus ist er als Herausgeber tätig, er publizierte z.B. 2004 einen Band zu „Frauen in der arabischen Welt“ sowie 2014 „Mein Kairo – ein Stadtlese- und Bilderbuch“ (hrsg. mit Jörg Armbruster). 1983 erhielt Taufiq den Literaturpreis der Stadt Aachen und ist zweifacher Stipendiat des Kultusministeriums NRW. 2015 war er für den Europäischen CIVIS Radiopreis nominiert, außerdem erhielt er den Medienpreis des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte in der Kategorie Hörfunk.

Zweiter Teil

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Als mein Sohn sechs Jahre alt war, fragte ihn ein Freund: „Ja, was bist du denn nun eigentlich? Deutscher oder Syrer?“, worauf er zunächst nicht antwortete. Es schien, als ob ihn diese Frage ratlos machte. Darauf schlug mein Freund ihm vor: „Vielleicht bist du ja ein halber Deutscher und ein halber Syrer.“ Nun reagierte mein Sohn ganz energisch und meinte entschieden: „Nein, ich bin ganz Deutscher und ganz Syrer!“
So gab er mir einen Eindruck davon, wie er sich selbst zwischen zwei Kulturen lebend empfindet. Er wollte nicht zwischen beiden Kulturen aufgeteilt werden. Er empfand sich in beiden Kulturen als vollständig. Und er ergänzte noch: „Ich bin doch nicht nur ein Stück von Syrien, oder?“
Bei der Erziehung meiner beiden Kinder hatte ich von vornherein kein Konzept. Die Erziehung folgte keinen festgelegten Normen, sondern gestaltete sich rein intuitiv; sie ergab sich einfach daraus, dass wir Eltern aus verschiedenen Kulturen stammten, meine Frau als Deutsche und ich als Syrer. Da unsere Kinder in Deutschland leben, bekommen sie von der deutschen Kultur automatisch viele Impulse. Meine Tochter hört jedoch arabische Musik ebenso gerne wie Hiphop. Sie tanzt auf orientalische Art genauso schön wie zu einer fetzigen Rock-Platte. Denn durch meine Person und die Reisen, die wir fast jährlich nach Syrien unternahmen, erfuhren sie ein Stück lebendiger syrische Kultur. So leben unsere Kinder nicht rein deutsch oder rein syrisch. Vielmehr erleben sie von Anfang an, dass sie zwar anders sind als andere Kinder, aber trotzdem sind sie doch mit ihnen auch verbunden. Ihr Leben in zwei Kulturen verläuft nicht ordentlich sortiert in zwei getrennten Welten, sondern vermischt sich zwischen den beiden Kulturen, überschneidet sich, ergänzt sich oder verwirrt sich in Widersprüchlichkeiten – ganz so, wie es im Leben nun einmal passiert.
Da ich in Syrien schon in zwei Kulturen aufgewachsen bin, und zwar als syrischer Christ in einer arabisch-islamischen Kultur, war ich mit dieser Situation vertraut. Aber erst heute weiß ich, welche Chancen sich daraus ergeben können. In zwei Kulturen zu leben, bedeutet für meine Kinder nicht automatisch Konflikte. Wenn ich meine Kinder heute beobachte, sehe ich, dass sie beide Kulturen mit Leichtigkeit in sich verbinden. Sie entwickeln nicht zwei sich gegenüber stehende Identitäten, sondern schaffen etwas Neues, Phantasievolles.
Kinder, die in zwei Kulturen aufwachsen, sind sehr sensibel und offen für die Wahrnehmung kultureller Differenzen. Sie nehmen Partei für Außenstehende und entwickeln einen besonders stark ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Denn sie vermitteln in ihrem Kopf und in ihren Gefühlen ständig zwischen den beiden Elternteilen und damit zwischen beiden Kulturen. Aus Neugier sind sie sehr gut informiert über andere Länder, weil sie die Unterschiede der Menschen aus verschiedenen Ländern unvoreingenommen wahrnehmen. Auf der anderen Seite fallen sie in ihrer Umgebung auf, sowohl hier in Deutschland, als auch in Syrien. In unserer Familie kommen die kulturellen Unterschiede, ihre guten wie auch ihre schlechten Seiten, deutlich zum Vorschein.
Die Vermittlung der beiden Sprachen ist ein weiterer Punkt, auch wenn meine Kinder der deutschen Sprache mächtiger sind als der arabischen. Durch die arabische Sprache können sie meine eigene Kultur besser verstehen. Meiner Meinung nach bedeutet Zweisprachigkeit aber nicht nur, zwei Sprachen zu lernen, sondern das Leben ebenso in der einen wie in der anderen Kultur gestalten zu können.

Obwohl die arabische Sprache nicht ihre Alltagssprache ist, so ist sie doch eine gute Möglichkeit, bestimmte Geheimnisse zwischen mir und ihnen vor der deutschen Umwelt schnell einmal zu verbergen. Wie oft schon haben meine Tochter und mein Sohn mir auf Arabisch etwas zugeflüstert, wenn ich auf die Gewohnheiten ihrer deutschen Freunde nicht genügend Rücksicht nahm.
Und doch sind sie oft auch stolz darauf, dass sie noch einen syrischen Teil in sich tragen.

4 Kommentare

  1. Peter, ,

    lieber suleman, danke, dass du uns darauf hinweist, dass es nicht nur das ‚eine‘ oder das ‚andere‘ gibt. wieso ist man z.b. als berliner, dessen eltern berliner sind schon ein berliner? weil man dort schon immer gelebt hat? und wo genau ist die grenze zwischen kulturen? ich bin deutscher staatsbürger, lebe aber im ausland und muss mich auch fragen: welcher kultur gehöre ich an? der in meiner neunen ‚heimat‘? obwohl ich die landessprache noch nicht gut spreche und die kulturelllen geflogenheiten nicht kenne? oder ‚darf‘ ich mich schon zugehörig fühlen, ist heimat/ kultur etc. also vor allem ein gefühl? – oder bin ich ‚bloß deutsch‘? obwohl ich nicht in deutschland lebe? gerade heute, wo internationalisierung und ‚grenzenlose‘ mobilität geradezu en vogue sind – oder menschen aus anderen gründen ihre heimat verlassen müssen, ist die frage ‚welcher kultur gehörst du an? wer bist du?‘ wohl nicht so einfach. das zeigt dein text ganz schön. Man kann selbst entscheiden, was und wer man ist. peter

  2. Antonio, ,

    Ich bin selbst zweisprachig aufgewachsen und dachte nie, ich sei eine Art Zwitter aus zwei Kulturen. Mich umgaben ja viel mehr als diese zwei Kulturen. Ich war voll von all dem, was um mich rum geschah. Ich habe meine ganz persönliche Kultur, die irgendwo zwischen all dem liegt, was mich umgibt. Sind wir nicht alle zusammengestückelte WEsen, gefüttert von so Vielem?

    • Martina, ,

      Ich stimme dir zu. Dass das so akzeptiert wird, hängt aber wohl damit zusammen, woher man stammt – und wohin man gegangen ist. Als Deutscher in Frankreich zu argumentieren, dass man beides ist, ist vermutlich einfacher, als zu verdeutlichen, dass man Deutscher und Syrer zugleich ist.

  3. Karin Lea Bonsfeld, ,

    Lieber Suleman Taufiq, da würde mich als Urdeutsche ja schon interessieren, wo Sie oder Ihre Kinder meinen, dass wir Ureinwohner empfindlich sind. Wann und was wird Ihnen denn da auf Arabisch zugeflüstert? Und wenn ich schon mal den Fragen bin: Wie sehen Sie denn die Geschehnisse in Syrien? Gibt es eine Chance, dass der Krieg zu Ende geht? Gibt es überhaupt noch dieses Syrien, von dem Sie erzählen? Ich hoffe, ich bin nicht zu indiskret – aber wenn solch ein Forum Sinn machen sollen, müssen ja auch solche Fragen gestellt werden.

Die Kommentarfunktion wurde abgeschaltet, da der Austausch mit den Autoren und den Lesern zum Thema "Heimatkunde" aktuell für die Bühne bearbeitet wird. Sie können das Ergebnis am 16. & 17. September jeweils um 19.30 Uhr im Theaterhaus Stuttgart erleben.

Karten unter www.theaterhaus.com

Meine fremde Sprache

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Das Leben in der Fremde ist eine ständige Reise zwischen zwei Orten, Sprachen und Zeiten. Dadurch wird das Gedächtnis andauernd wachgerüttelt.

In der Fremde lebt der Mensch täglich in der Konfrontation zwischen Gedächtnis und Alltag. Diese kann zerstörerisch und gleichzeitig schöpferisch sein.

Die schöpferische Arbeit in der Fremde bedeutet Ankunft und das Hinterlassen von Spuren, die zeigen, dass der Mensch hier war. So ist die Poesie ein Versuch, die Fremde zu überwinden. Durch die deutsche Sprache bekam ich ein fremdes Bewusstsein, sie ist meine Entfremdung und vielleicht auch meine Identität. In einer fremden Sprache zuschreiben, die nicht die Kindheitssprache ist, wird oft zum Abenteuer, bei dem man die Hindernisse in beiden Sprachen überwinden muss. Als Feuerprobe gestaltet es sich immer wieder, wenn die beiden Sprachen keine gemeinsame Wurzel haben. Arabisch und Deutsch haben keinen gemeinsamen geistigen Ursprung, kein gemeinsamen Nenner in der Grammatik, der Syntax und im Rhythmus. Für mich ist es ein besonderer Anreiz, mich auf dieses Abenteuer einzulassen. Der Widerstand, den die fremde Sprache mir entgegensetzt, gehört zur Ästhetik meiner Literatur. Die deutsche Sprache, in der ich rede und schreibe, ist anders als die, die deutsche Autoren sprechen und schreiben. Ich lernte zuerst die Sprache des Alltags und dann die der Literatur.

Erstere lernte ich, um hier zu überleben und zurechtzukommen. Es galt, den Bruch zwischen beiden Sprachebenen zu verarbeiten. Hinzu kam noch der Bruch mit den literarischen Traditionen der Muttersprache. So versuche ich, neue Wege in der Literatur zu finden. Ich entwickele für mich neue Metaphern, neue Bilder, sogar neue Sätze. Ich lebe seit 38 Jahren in Deutschland.
Ich bin ein deutschsprachiger Autor, aber ich habe auch eine andere Kultur in mir. Ich schätze die deutsche Sprache sehr, denn ich lebe in dieser Sprache und erfahre in ihr Zärtlichkeit, Zuneigung, Fremdheit und Akzeptanz. Ich merke, dass ich die Sprache nie mehr verlassen werde. Ich bewege mich in ihr. Ich bin in ihr mal aktiv, mal passiv. Es ist eine Sprache, die viel Poesie besitzt und viele Möglichkeiten in sich birgt, neue Worte und neue Bilder zu kreieren.

Ich muss in der neuen Sprache neue Worte schöpfen, die meiner orientalischen Seele entsprechen, durch die ich Deutsch anders höre. Dadurch entsteht ein neuer Sound. Ich musste mich in die deutsche Sprache einfühlen und lernen, in ihr zu denken, weil die Art, in meiner Muttersprache zu denken, nicht dieselbe ist. Ein Beispiel dafür ist das unterschiedliche Verständnis von Alleinsein. Im deutschen Sprachgebrauch hat es eine durchaus positive Konnotation. Die Fähigkeit, mit sich allein sein zu können, gilt als Ausdruck persönlicher Unabhängigkeit und Stärke. In Deutschland ist es selbstverständlich, dass jemand allein spazieren geht oder alleine lebt. In den Mittelmeerkulturen dagegen bedeutet Alleinsein immer einen Rückzug von den Menschen der nächsten Umgebung; wer sich zurückzieht, hat Kummer oder Probleme. Alleinsein gilt als Störung.

Die Vergangenheit ist Teil meiner Person. Sie lässt sich nicht ausradieren. Sie hockt ständig in einer Ecke unseres Bewusstseins. Deshalb braucht man keine Angst davor zu haben, sie zu verlieren. Ich trage ein altes, geistiges, emotionales und persönliches Erbe in mir. Es stammt aus der mediterranen Welt. Zu diesem Erbe gehören meine Erinnerungen an die Kindheit und die Bilder, die in meinem Kopf hängen geblieben sind und meine Fantasie beflügeln. Meine Texte sind das Ergebnis der arabischen und europäischen Kulturvermischung. In ihnen versuche ich, den Widerspruch zwischen meiner Vergangenheit und meiner Gegenwart zu begreifen.
Vergangenheit und Gegenwart klaffen kulturell, sprachlich und existentiell auseinander. Deshalb versuche ich, gestern und heute, nah und fern, hier und dort zu verbinden. Diese Vermischung geschieht in einem Raum ohne Zeit und Ort. Das ist für mich ein Vergnügen, wobei ich mit der deutschen Sprache sehr weit gehen kann.

12 Kommentare

  1. Barbara, ,

    Lieber Suleman Taufiq, leider kenne ich Ihre Texte nicht, aber mir gefällt Ihre Liebe zur Sprache und Ihre Beschreibung dazu.

    • Suleman Taufiq, ,

      Hallo Barbara! Als ich vor 44 Jahren nach Deutschland kam, hatte ich zwar Englisch und Französisch gelernt, aber kein einziges Wort Deutsch. Das änderte sich schnell. Ich kaufte mir sofort ein Buch und folgte mit Hilfe eines Wörterbuches einem unwiderstehlichen Drang. Bevor ich die deutsche Sprache kennen und lieben lernte, schätzte ich deutsche Literatur und deutsche Philosophie sehr hoch. Um meinen Wissensdrang zu befriedigen, wollte ich die Sprache schnell lernen. Seit langem ist Deutsch die Sprache meines Alltags und meiner intellektuellen Ambitionen. Nuancen der Sprache verstehen, damit spielen, Missbrauch von Sprache erkennen und bloßlegen, das schafft Vertrauen in die eigene Sprachfertigkeit. Vertrauen in die deutsche Sprache ist aber nicht automatisch verbunden mit Vertrauen in die deutsche Gesellschaft.

  2. Elly, ,

    Ist es nicht auch ein Vorteil, wenn man in einer fremden Sprache schreibt? Man fühlt sich auf gewisse Art und Weise freier, weil nicht jedes Wort so vor Erinnerung trieft und belastet ist. Jedenfalls geht mir das so, wenn ich gelegentlich auf Englisch herumradebreche… Ich würde mich freuen, wenn ich es besser könnte… aber andererseits befreit es mich auch davon, von diesem Druck es genau richtig sagen zu müssen… oder dieser Angewohnheit sich selbst zu kontrollieren, sich selbst zuzurufen: Dass geht aber doch besser, Elly! Das kannst du doch besser ausdrücken, das trifft es doch noch nicht so wirklich, du willst doch eigentlich was anderes sagen…. Im Englischen: Everything is easy. IT`s all rock n`roll….

    • Suleman Taufiq, ,

      Liebe Elly,
      Ich finde es interessant, in der Nichtmuttersprache zu schreiben. Arabisch ist meine Kindheitssprache, voller Tabus und Belehrungen – so ist die deutsche Sprache für mich Freiheit. Arabisch ist poetisch, metaphorisch, Deutsch hat eine gewisse Abstraktion, nur schon die zusammengesetzten Worte – auf Deutsch kann man als Autor verdichten. Zudem ist Deutsch meine Alltagssprache, meine Frau und meine Kinder sind Deutsche. Im Traum rede ich oft auf Deutsch. Letzthin sogar mit meiner Mutter, da bin ich doch erschrocken.

  3. Zoey, ,

    @ Elly
    So geht es mir zumindest nicht. Ich überlege immer eine ewigkeit, wenn ich in einer fremden Sprache schreibe. Englisch geht zwar noch… Aber ich hab auch französisch in der Schule und brauch da immer 3x so lang zum denken. Ich bin mir immer unsicher und meine ich habe nicht das richtige Wort gefunden, den Satz falsch geschrieben, und deswegen finde ich es total anstrengend in einer fremden Sprache zu schreiben. Deswegen würd ich mal sagen: Respekt an Suleman Taufiq!

  4. Susanne, ,

    Ich werd noch nicht schlau daraus….. ist das jetzt schon das Schreiben, von dem Herr Taufiq spricht? Oder erklärt er nur wie er schreibt, wenn er schreibt?…… Eine Beschreibung des Schreibens?????

    • Suleman Taufiq, ,

      Liebe Susanne
      Ich rede hier von meiner eigenen Erfahrungen.

  5. henning, ,

    an zoey,
    darum geht es ja gerade bei suleman taufiq. dass man sich der fremden sprache nicht mit unsicherheit nähert, sondern es als abenteuer wahrnimmt, darin aufgeht, neue möglichkeiten entdeckt, neue bilder findet,… und irgendwann dann erlangt man vielleicht sicherheit. es geht darum die neue sprache auch anzuwenden, anzufangen in ihr zu denken und dann zu schreiben. das geht aber bestimmt auch nur wenn man sich über längere zeit in einem land aufhält, in dem die jeweilige sprache gesprochen wird

  6. Tina, ,

    Sprachen sind Heimaten. Meine Muttersprache ist ein mündlicher Dialekt des Deutschen. Es gibt keine offizielle Schriftsprache dazu. Ich musste immer schon im Fremden schreiben, mir das Fremde zu eigene machen. Das gab mir lange Zeit eine gewisse Distanz auf die Dinge. Ich konnte das, was ich geschrieben habe, aus einiger Entfernung betrachten. Irgendwann, nach vielen Jahren des Schreibens auf Hochdeutsch, ist mir diese Fähigkeit so gut wie verloren gegangen. Nun bin ich im Hochdeutschen zu Hause. Ich bin selbst hochdeutsch geworden. Das ist die Sache mit der Heimat. Man verliert diesen wertvollen fremden Blick, auf die Dinge zu sehen. Die Heimat von Außen zu betrachten, ist eine ganz eigene Disziplin.

    • Suleman Taufiq, ,

      Liebe Tina
      Meine eigene Identität sehe ich nur noch in der Sprache verankert. Ja, die Sprache ist vielleicht eine Art Heimat. Man kann auch zwei Heimaten haben.
      Ein syrisches Sprichwort lautet: „Jeder Mensch hat zwei Heimaten: Syrien und seine eigene.“ Das spielt auf die reiche Geschichte vieler Volksgruppen und Völker an, die über Tausende von Jahren ihre Spuren und Einflüsse in der Seele dieses Landes hinterlassen haben.

      • Anne, ,

        Was für ein schönes Sprichwort. Auch andere Länder sollten nicht vergessen, dass das ihre Geschichte ist: Menschen aus vielen verschiedenen Kulturkreisen!

  7. Judith, ,

    Lieber Suleman! Mich würde interessieren, wie lange du gebraucht hast, bist du Deutsch auch als deine eigene Sprache anerkennen und nutzten konntest. Ich habe Deutschland vor fast einem Jahr verlassen. Ich spreche Deutsch, Französisch, Spanisch und Englisch. In dem Land, in dem ich gerade lebe, gibt es kaum jemanden in meinem Umfeld, mit dem ich Deutsch sprechen kann (außer mit meinem Mann). Auch mit Französisch und Spanisch kommt man hier kaum weiter. Die Landessprache lerne ich gerade erst nach und nach. Wenn ich nun nach draußen gehe, mich mit jemandem unterhalte, auf dem Markt einkaufe etc., stehe ich vor folgendem Problem: Intuitiv versuche ich, das, was ich sagen will, nicht erst auf Deutsch zu denken. Gleich auf Englisch zu denken, fühlt sich aber noch eben so fremd an wie in der Landessprache zu denken. So habe ich – und hatte ich vor allem anfangs – große Schwierigkeiten, mich überhaupt zu verständigen, weil es mir falsch erschien, erst auf Deutsch zu denken und dann mühsam zu übersetzen, es aber ebenso mühsam war, gleich auf Englisch zu denken, was ich sagen möchte. Alles geht nur ganz, ganz langsam. Ich fühle mich also in meinem Sprechen und Denken zugleich beschnitten.

Die Kommentarfunktion wurde abgeschaltet, da der Austausch mit den Autoren und den Lesern zum Thema "Heimatkunde" aktuell für die Bühne bearbeitet wird. Sie können das Ergebnis am 16. & 17. September jeweils um 19.30 Uhr im Theaterhaus Stuttgart erleben.

Karten unter www.theaterhaus.com