Das Netz ist nicht meine Heimat

Das Netz ist nicht meine Heimat. Nirgends fühle ich mich darin sicher genug, um sagen zu können, hier bin ich wer, hier bin ich ich selbst, hier agiere ich aktiv und sicher. Überall bin ich fremd. Selbst hier jetzt, in diesem Blog. Ich bin zaghaft. Und das obwohl ich im echten, ich meine damit das nichtdigitale Leben, durchaus kleine Tischrunden unterhalten kann. Manche sagen, Facebook sei die neue Weltnation, eine Gemeinschaft von Weltenbürger*innen, alle vereint und potentiell in der Lage, ihr Leben miteinander zu teilen. Ich bin in dieser Giganation Newcomerin und das, obwohl ich schon vor etwa zwei Jahren eingereist bin. Trotz Bemühungen lerne ich die Sprache nicht. Ich begreife die Spielregeln nicht. Ich habe nur 241 Freunde. Und kein Gefühl dafür, was ich poste, wie ich poste. Oder wie ich die Posts der Anderen kommentiere. Und was ich liken soll und warum. Und wem ich zum Geburtstag gratuliere und wie. Und wie ich mich selbst zeige, damit meine 241 Freunde von mir das denken, was sie von mir denken sollen: Dass ich ein stringenter, kluger Mensch mit klar definierten Interessen, einer unerschütterlichen, kritischen Meinung und einer zufriedenstellenden beruflichen Situation bin.

Mir gefällt durchaus einiges, wenn auch definitiv nicht alles, was sich auf sozialen Plattformen abspielt. Ich empfinde geradezu Bewunderung für Menschen, die darin neue Diskussions- und Streitformen finden, sich jenseits der großen Medien mit Informationen austauschen, ihr soziales Leben erweitern und sich in Abenteuer stürzen, die in prädigitalen Zeiten nicht denkbar gewesen wären. Ich selbst jedoch, ich schau mir das an und denke unweigerlich: Da komme ich nicht mit. Und fühle mich dabei steinalt.

In den folgenden Wochen möchte ich mich integrieren. Dieser Blog soll mir dabei helfen, meine Vorbehalte und Ängste, meine Unsicherheiten und Vorurteile, meine Fragen und Bedenken abzubauen und einen Zugang zu all dem zu finden, was mir bislang verborgen bleibt. Ich möchte ernsthaft versuchen, mich Twitter, Instagram, Tumblr, Tinder, Okcupid und all den anderen großen und kleineren Nationen zu öffnen und am Ende zu sagen, ich bin wie ihr, ich mache mit, ich bin Teil eurer Gemeinschaft geworden.

2 Kommentare

  1. Jörg, ,

    Man muss doch kein Gefühl dafür haben, was man postet. Warum Fragen viele immer danach, wie man’s richtig macht. Wenn man sich aber Tipps derer anschaut, die erfolgreich sind, was auch immer das dann heißt, steckt meist gesunder Menschenverstand dahinter. Das Gefühl von Unsicherheit ist da eher ein gutes Zeichen.

  2. Smokey, ,

    In den folgenden Wochen möchte ich mich integrieren. Dieser Blog soll mir dabei helfen, meine Vorbehalte und Ängste, meine Unsicherheiten und Vorurteile, meine Fragen und Bedenken abzubauen und einen Zugang zu all dem zu finden, was mir bislang verborgen bleibt…..

    Und, was ist draus geworden – am Ende bist Du wieder am Anfang, Tja….

Die Kommentarfunktion wurde abgeschaltet, da der Austausch mit den Autoren und den Lesern zum Thema "Heimatkunde" aktuell für die Bühne bearbeitet wird. Sie können das Ergebnis am 16. & 17. September jeweils um 19.30 Uhr im Theaterhaus Stuttgart erleben.

Karten unter www.theaterhaus.com