Dritter Teil

Der sechste Platzregen am Kieler Sonntag, ich steh wie ein böser Geist am Fenster und blick auf schokoeislöffelnde Studenten, vom bloßen Gaffen erlahmt der Geist, ich räum den Posten, stürm mit schwerem Müll hinunter auf den Hinterhof, hebe den Deckel des Altpapiercontainers, mit dem Rücken obenauf liegt eine aufgeklappte leere Plastikhülle. Ich sehe: nackte Frauen in Hundestellung. Ich sehe: gespielte Entzückung und Entrückung in den Gesichtern. Ich lese: Der Lohn der Emanzipation. Blutjunge Biester christlich in den Po gesext. Der Wind schlägt den Deckel zu, ich steh wie ein Pony im Regen und blinzele mir das Wasser aus den Augen. Was war das? Mein Altpapier stopf ich in die große Mülltonne, spähe nach Kumpels mit einem Sinn für Prollhumor. Nach einigen Minuten hab ich es satt, mich nassregnen zu lassen, zurück in die Stube. Die Wohnung ist eine Ruine, überall Schutt und Mörtelbrocken in kleinen und großen Säcken, Regale und Möbel sind mit Planen bedeckt, Christo für Arme. Exorzismus, denke ich, perverser Scheiß, wer steckt dahinter? Drehen übel verdrehte Sektenjünger einen Porno als Lehr- und Wehrmaterial? Was wollen sie der Welt mitteilen? Wir schnappen Ketzerhexen, die mit ihrem Afterloch Mücken fangen, wir reißen ihnen wie die Dominikaner im Mittelalter die Kleider vom Leib, wir hetzen schnurrbärtigen Schergen auf das Gezücht des Teufels, wir strafen sie, weil sie sich vom wahren Glauben und von unserer Kirche emanzipiert haben. Unwahrscheinlich. Aber: Die Welt gehört Irren. Eine Stunde später werde ich darin bestärkt: Ein gewisser Mathies stellt sich mir vor dem Spätkauf als interessierter Laie vor. In was interessiert? In dies und das, vor allem in jenes. Ich sage: Wollen Sie mich verarschen? Will er nicht. Er liest keine Bücher, er liest nur die Bilder, er ist sehr besorgt, wegen der vielen Muffmuffen und Hackmacken, die Halbmondäffchen, nein falsch, -fähnchen schwenken in Köln und Berlin, er könnt auf der Stelle mir das Zwiebelmettbrötchen vor die Schuhe kotzen, aber er hätte wohl zwofünfunfneuzig fürs scheiß Brötchen ausgegeben, und würde er kotzen, müsste er schon wieder zwofünfneuzig auf die Münzschale legen. Aha, sage ich, dann kotzen Sie eben nicht. Er verstellt mir den Weg und erklärt: Das ist nicht das Problem, was denken Sie über Ihre Landsmannschaft? Ich täusche rechts vor und springe zur linken Seite, ich versuche, mir im Laufen eine Zigarette anzustecken, und donnere gegen eine kleine Plastiktonne an der Ecke. Der Müllmann wiehert, der eisschleckende Student wiehert. Später stehe ich am Robbenbecken und denke nach: Den Pornofilm haben keine Sektenknaller mit Loch im Kopf gedreht. Irgendein Texterwilli hat sich den Titel ausgedacht. Ich komme zu folgendem Schluss: Wer sich darüber den Kopf zerbricht, ist bescheuert. Mein Schädel gärt, die Robben schwimmen unter Wasser und tauchen nicht auf, ich laufe zum Hauptbahnhof, in dem es auch am Sonntag vor Menschen wimmelt. Ich bin ein Irrenmagnet, natürlich stellt sich der zweite Irre am Ständer mit Kieler Ansichtskarten vor: Hans, das ist mein solider deutscher Name, ich kenne Sie, Sie kennen mich nicht, ich hätte da eine Frage und eine zweite, die erste lautet: Haben Sie eine Putzfrau?, und die zweite: hinterher: Würden Sie mir die Telefonnummer der Dame geben? Ich sage: Nein zur ersten und Nein zur zweiten Frage. Dritte Frage: Sie müssen sie mir aber nicht beantworten: Sind Sie mit dem Fußballer Özil verwandt? Der hat auch solche Glubschbrocken wie Sie. Ich sage: Nein und tschüss. Nachts in der ruinierten Mietwohnung, Möpse kläffen im Treppenhaus, ich starre auf die Filzhausschuhe mit Klettverschluss, ich stecke den großen Onkel durch das große Mottenloch, dann starre ich auf den Zeh, der aussieht wie ein polierter Gnomkopf. Heftiger Platzregen. Möpsegekläff auf der Straße. Ich könnte lesen. Ich könnte schreiben. Ich könnte erst duschen, dann lesen und schreiben. Erst breche ich eine Kante von der Riegelschokolade. Dann lösche ich die Lichter und schließe die Augen. Ich muss mir für den Roman, an dem ich schreibe, vorstellen, wie es ist, blind zu sein. Ich mache den ersten Schritt in der Ruine.

1 Kommentar

  1. Lena, ,

    Das ist aber ein sehr wütender Blick auf die Heimat. Allerdings kein breites Bild auf Deutschland, muss ich sagen.

Die Kommentarfunktion wurde abgeschaltet, da der Austausch mit den Autoren und den Lesern zum Thema "Heimatkunde" aktuell für die Bühne bearbeitet wird. Sie können das Ergebnis am 16. & 17. September jeweils um 19.30 Uhr im Theaterhaus Stuttgart erleben.

Karten unter www.theaterhaus.com