Ein Gefühl, kein Ort – oder doch?

Wenn ich mit dem Flugzeug nach Stuttgart komme, schwebt die Maschine entweder über den Schwäbischen Wald und Esslingen ein oder über den Schönbuch und Echterdingen. Im zweiten Fall sehe ich dann rechts Dettenhausen liegen, den Ort, in dem ich geboren wurde und aufgewachsen bin. Und jedes Mal spüre ich ein Ziehen in der Herzgrube. Aber auch der Blick, wenn ich von der anderen Seite komme, hinüber zur Schwäbischen Alb, macht mir schlagartig klar, was ich in Berlin und im flachen Land Brandenburg, wo ich seit 25 Jahren lebe, so sehr vermisse: diese wunderschöne für mich „anheimelnde“ Landschaft. Dazu kommt die Vorfreude auf das Wiedersehen mit alten Bekannten, auf das Einkehren in einer Wirtschaft wie etwa dem Ochsen in Uhlbach, auf den Rostbraten dort, wenn möglich verzehrt unter der alten Kastanie mit der weit ausladenden Baumkrone, auf eine Wanderung durchs Siebenmühlental oder auf einen Badebesuch im Leuze.

Wenn ich auf dem Rückflug unter mir die Seenlandschaft rund um Berlin erblicke, freue ich mich auf meine Heimkehr in die Hauptstadt, das bunte Leben und die Freunde, die ich dort gefunden habe.

Der sehr angesehene Professor Hermann Bausinger meint: Heimat sei „eine räumliche soziale Einheit mittlerer Reichweite, in welcher der Mensch Sicherheit und Verlässlichkeit seines Daseins erfahren könne, eine Nahwelt, die verständlich und durchschaubar ist als Rahmen in dem sich Verhaltenserwartungen stabilisieren, in dem sinnvolles abschätzbares Handeln möglich ist.“

Gell da guckscht!

Meine Heimat ist Schwaben, zuhause fühle ich mich aber auch in Berlin. Und vielleicht ist Heimat ja tatsächlich mehr ein Gefühl als ein Ort. Heimisch fühle ich mich dort, wo ich mich nicht verstellen muss, wo mich die Leute mögen und ich die Leute mag.

3 Kommentare

  1. Tina, ,

    Ich bilde mir ja immer ein, ich würde an der Art der Bewirtschaftung der Getreidefelder erkennen, ob ich über Süddeutschland oder Brandenburg schwebe. Oder ich behaupte, im ICE von Berlin nach Zürich sitzend, allein durch die Anordnung der Gärten vor den Einfamilienhäusern wissen zu können, wann wir die Schweizer Grenze überquert haben. Kennen Sie dieses tolle Spiel http://www.geoguessr.com? An Hand einer Landschaftsaufnahme soll geraten werden, wo das jeweiligen Foto geschossen wurde. Macht Spaß. Ich treffe nur meistens nicht mal den richtigen Kontinenten.

    • Susanne, ,

      Tja, sieht halt doch alles gleich aus… Da sollte man doch noch mal über Heimat als Landschaft und Ort nachdenken, den man angeblich wie seine Westentasche kennt.

  2. Lisa, ,

    Das Thema aller Blogbeiträge ist Heimat. Ich denke, da brauchen wir nicht zu bestreiten, dass jeder Mensch eine Heimat braucht. Einen sicheren Ort, an dem er sich gern bewegt und auch dazu gehört. Und vielleicht kann man zwei oder mehrere Heimaten haben. Aber es liegt sicher nicht nur an einem selbst, dass dem so ist, die anderen müssen auch zulassen, dass Menschen eine neue Heimat finden können.

Die Kommentarfunktion wurde abgeschaltet, da der Austausch mit den Autoren und den Lesern zum Thema "Heimatkunde" aktuell für die Bühne bearbeitet wird. Sie können das Ergebnis am 16. & 17. September jeweils um 19.30 Uhr im Theaterhaus Stuttgart erleben.

Karten unter www.theaterhaus.com