Einreise

Ich nenne dieses Land, dieses Tinder-Instagram-Facebook-Land, jetzt mal Tinstabook. Meine Einreise nach Tinstabook war sehr EINFACH. Ich bin nicht mit dem Flugzeug gereist und auch nicht mit dem Gummiboot. Ich musste mich einfach nur einloggen, ein paar Daten von mir preisgeben und schon war ich drin. Mittendrin. Ich musste mich nicht nach der Hauptstadt durchfragen und dort auch nicht nach der Ausländerbehörde, ebenso wenig wurde mir eine Unterkunft zugeteilt und so weiter, ihr wisst, was ich meine. Ich hätte sofort losleben können. Nur wusste ich wirklich nicht, wie. Ich habe bei meinen eins bis zwei Milliarden neuen Landsleuten geguckt, wie die so leben, aber das hat mich umso mehr verwirrt. Meine Bekannte Becky aus Neuseeland zum Beispiel, sie war einer meiner entscheidenden Einreisegründe, löste in mir von Anfang an einen enormen INTEGRATIONSWIDERWILLEN aus. Sie hatte mir im Vorfeld versprochen, nach meiner Einreise würden wir uns in unserem gemeinsamen Land WIE NACHBARINNEN fühlen. Wir würden ALLES TEILEN: Fotos der jungen Lämmern auf ihrer Farm, Fotos der Einschulung ihrer Tochter, Fotos ihrer neu ersteigerten Unterwäsche. Ich wollte das, ich fand das cool. Ich dachte, abgefahren, in diesem Land kommt man sich vielleicht tatsächlich irgendwie nah, obwohl man sich so fern ist. Es stellte sich allerding bald nach unserem Wiedersehen in Tinstabook heraus, dass Becky kaum Fotos von Lämmchen und Kindern postete, sondern vor allem Fotos von sich selbst a.k.a Selfies. Selfies von Becky vor der Garage, Selfies von Becky vor ihrem Badezimmerspiegel, Selfies von Becky mit Gartenschlauch, von Becky mit Hund, von Becky mit Zahnarzt. Da war ich erstmals etwas enttäuscht. Von Becky natürlich. Aber vor allem von Tinstabook. Wie ich damals bei meiner nächtlichen Ankunft in Mexico City auch enttäuscht war, als direkt neben meinem Hotel ein erschossener Mann vor einem brennenden Auto lag. Enttäuscht, dass es eben doch nicht so ist, wie man gehofft hatte, dass es vielleicht doch nicht ist.

Von mir selbst gab ich, als ich im neuen Land Tinstabook angekommen bin, wenig preis. Keine Angaben über Geburtsort oder Arbeitsplatz oder Lieblingsfilme, keine Fotos, nichts, außer das, was die da von den Landesbehörden eben unbedingt von mir wollten. Ich machte mir vor, dass sie auf diese Weise nichts Wesentliches über mich erfahren werden und musste bald erfahren, dass das nicht stimmt. Plötzlich kamen die Freundschaftsanfragen. Anfragen von Menschen, Leute aus meiner Zeit an der Uni oder Kindergartenfreunde, die mich nicht gesucht hatten und mich dennoch fanden. WOHER WUSSTEN DIE ALLE VON MEINER EINREISE? Da kam mein erstes deutlich wahrzunehmendes Unbehagen auf. Ab jetzt fühlte ich mich beobachtet, oder besser: SONDERBAR ERFASST. Als ich vor vielen Jahren aus der Schweiz nach Deutschland eingewandert bin, wurde ich wenige Wochen später vom Schweizer Konsulat zu einem Grillfest mit Schweizerinnen und Schweizern auf der Wiese vor der Schweizer Botschaft in Berlin eingeladen. Da bin ich natürlich nicht hingegangen. Andere hätten das aber vielleicht gemacht und es hätte ihnen EIN GUTES GEFÜHL gegeben, zu wissen, dass es in dieser großen, FREMDEN Stadt Menschen gibt, die irgendwas, und sei es auch nur eine Nationalität, mit ihnen gemein haben. Und so macht es eben auch Tinstabook. Man ist dort nie allein. Ich fühlte mich von Anfang an unter Vertrauten, Bekannte, Verwandten, Verbundenen, ferner Verbundenen und überhaupt nicht Verbundenen, die aber über fünf Ecken ANGEBLICH doch eigentlich total verbunden waren.

So war Tinstabook plötzlich ein Land, das richtig gut zu mir passte. Fast alles, was da so gesagt und gemacht wurde, fand ich gut. Es war alles richtig gut antirassistisch und feministisch und kapitalismuskritisch. Plötzlich war die Welt voller alternativen Wohnprojektideen und Flüchtlingsaktivist*innen, selbst die Newsletter der großen Onlinezeitungen, die ich abonniert hatte, berichteten nur noch in meinem Sinne. Und da Tinstabook ja eine Weltnation ist, dachte ich in unaufmerksamen Momenten manchmal, dass die Welt vielleicht plötzlich tatsächlich ein bisschen besser geworden ist. Als ich dann verstand, dass die Nation Tinstabook so viele Gesichter wie Einwohner*innen hat, wusste ich nicht mehr, wo ich bin.

Ich wollte sehen, was Tinstabook sonst noch so zu bieten hat. Berge und Täler anschauen. Und habe ich mir fortan andere Freunde gesucht. Leute, die gar nicht meine Freunde waren, die im Gegenteil genau das Gegenteil meiner Freunde waren, aber in Tinstabook trotzdem so bezeichnet wurden. Und die brachten mich in Regionen, auf die ich nicht vorbereitet war. Man sagte mir schon vor meiner Einreise, dass es auch im Land Tinstabook Menschen gäbe, die mich nicht mögen und sich durchaus nicht scheuen würden, mir das zu zeigen. Ich dachte natürlich immer, damit werde ich fertig. Ich sitz doch zu Hause auf meinem Sofa und die irgendwo in Dresden oder Niedersachsen oder der Innerschweiz oder sonst wo WEIT WEG VON MIR. Die können mir ja nichts und ich habe ohnehin schon viel zu viel gehört und erlebt und gesehen, mir kann hier überhaupt niemand mehr irgendwas. Und weil ich mich ja so unauffällig verhalte, wie ich es mir vorgenommen habe, mich zu verhalten, habe ich bislang tatsächlich nie was zu hören bekommen. Aber was ich sonst so gehört habe, nun ja. Ich weiß ja nicht, wie´s euch ANDEREN BÜRGERINNEN UND BÜRGERN VON TINSTABOOK damit so geht, aber ich empfinde unterdessen Angst, nachts, auf Tinstabooks Straßen. Ich weiß, dass es die Angst nicht bringt. Aber als linke Sau will ich trotzdem nicht bezeichnet werden. Und ich will nicht lesen, dass ich doch nur deshalb für die Aufnahme von Flüchtlingen sei, weil sonst keiner mehr über mich drüber ginge. Und eine Demütigung, eine Million mal geklickt, will ich auch nicht erleben.

Manchmal habe ich Heimweh. Ich weiß nicht genau, wonach. Vielleicht nach diesem Land, von dem ich mal gehofft habe, dass es Tinstabook sein könnte.

14 Kommentare

  1. SeeMondFee, ,

    Hey Tina, bin hier zufällig reingepurzelt (lol).
    Lustiger Post: als ob man mit dem Gummiboot ins Internet könnte…da gibt’s doch gar keinen Empfang. Und im Tinstabook (url ???) schaust Du nach Tälern und Bergen? Die gibt’s doch in der Schweiz gratis….also mit Pass natürlich.
    Und Dein Frenemy Becky hat Dich enttäuscht mit ihrer Selfidence? Sei doch froh, dass Du es mitbekommenh hast, ehe Du ihr ewige Ferntreue schwörst.
    Vielleicht hilft es, sich vorzustellen, dass das Tinstabook auch nur ein beschränkter Raum ist. Keine Weltnation sondern ein unförmiges Riesendorf in dessen weniger gut beleuchteten Ecken, jenseits der herausgestellten Netiketten, sich die dunklen Triebe tummeln.
    Also vielelleicht wieder raus aus dem Dorf und hinein in die Welt. Runter vom Fuck-it-Mountain. Unsere Facebookonality kann ja gerne da bleiben, ab und zu telefonieren wird ja wohl noch erlaubt sein.
    Und den Hatern, Egotisten und Lonern rufen wir zu: We’re all smart! Distinguish yourself by being kind.

    • Tina, ,

      Hallo Seemondfee,
      danke für deinen Kommentar. Du hast scheinbar diese Lässigkeit, die nur Leute haben, die über mehrere Generationen schon in diesem Land leben oder eben einfach einen Scheiß drauf geben. Aber wie macht man das? Selfiedence ist wirklich ein cooles Wort. Ist das verbreitet?
      Ich muss auch zugeben, dass ich vorhin googlen musste, weil ich mir die ganzen Netz-Abkürzungen nicht merken kann. Bin ich zu alt? Ich glaube, es hat nichts mit dem Alter zu tun, oder? Falls du noch mal zufällig vorbeischneist, lass mich doch wissen, wie du das machst, dich so smart abzugrenzen. Ich würde das auch gerne können. Aber dann glaube ich wieder, es passiert einfach doch zu viel, um das alles einfach als ein give-a-shit-Dorf zu bezeichnen. Auch zu viele wirklich echt irgendwie interessante Dinge. Und ja, es kam auch schon öfters vor, dass ich wahrhaft aufregende Ereignisse verpasst habe, weil ich mal wieder versucht habe, einen Scheiß drauf zu geben.

  2. SEEMONDFEE, ,

    Dear Tina. Danke für Deine Gedanken. Mich würde interessieren, was Dich in der aktuellen Netz-Gemengelage aus Fassungslosigkeit, Twitterysterie, latentem Fremdenhass und Law-and-Order-Fantasien so bewegt?
    Folgst Du dem Mahlstrom der K.O.mmentare oder verfällst Du bei sowas eher in Apathie, klinkst Dich aus und atmest lieber frische Luft statt diesen Dunst?

  3. Tina, ,

    hallo seemondfee, schön, dass du noch mal schreibst. aber ganz ehrlich, ich fühl mich hier trotzdem immer noch etwas einsam. Was machen denn die, die hier zu Hause sind, ganz genau anders?

  4. Tina, ,

    Und deine Frage beantworte ich ein andermal. Muss mich jetzt erstmal rausklinken. Wie machst du das?

  5. SEEMONDFEE, ,

    Hallo Tina, wie mach ich was? Rausklinken? Ganz, ganz schlecht. Geh jetzt erstmal in Urlaub und brauch noch ne coole out-of-office Mail….dafür wär doch die Schwarmintelligenz nützlich, also: Vorschläge willkommen nach folgendem Muster:
    „Thank you for getting in touch. I’ll be on holiday until … but will still be checking my e-mails obsessively every 10 minutes or so. So if I don’t reply it’s because of you not me.“

    • Tina, ,

      Ich denk mir was aus, ok? Ich hätte ja gerne ein Algorithmus, der mir nur noch die privaten, voll nett gemeinten Mails weiterleitet. Das Netz müsste doch in der Lage sein, alles andere selbständig zu beantworten. Termine in meinen Kalender übernehmen, Rechnungen bezahlen, Konfliktmails ignorieren.

  6. Tina, ,

    oh, du bist im Urlaub? Ich auch. Aber ich sitze trotzdem am Rechner. Mit meinem Baby auf dem Schoß und drei andere Kinder um mich rum und draußen scheint die Sonne. Und du so? Gerade online? Wie irritiertend, dass man das hier nicht sehen kann.

  7. Tina, ,

    ich bin übrigens in einem superkleinen alten Dorf in den italienischen Bergen, so richtig abgelegen von allem und still und ruhig. Man fährt eine Stunde durch tiefe Wälder über ein Pass in eine verlassene Schlucht. Auf den Gassen sieht man kaum Menschen. Es scheint alles verlassen und verschlafen. Aber ich habe es in den Anzeigen gesehen: Alle Ferienhäuser hier sind natürlich mit Wlan ausgestatten. Das Internet hat auch hier längst Einzug genommen. Ich werde gleich versuchen, hier mal jemanden anzutindern.

    • Elly, ,

      Hallo Tina, warum machst Du so was, wenn Du doch endlich fern von Allem bist? Kopfschüttel** Lach* Kenn ich auch…. Und, wieder zu Hause? Urlaib vorbei?

  8. Petra, ,

    Dieses Onlinegespräch demonstriert meiner Meinung nach wunderbar, worum es bei Facebook und Instagram geht: leere Phrasen aneinanderreihen, die in der ‚realen‘ Welt kaum eine Bedeutung und einen Wert haben.
    Einer der überflüssigsten und zugemülltesten Hashtags ist wohl #OOTD! Wozu muss man all das wissen, was auf Instagram verfügbar ist. Stalken völlig fremder Menschen wird da gesellschaftsfähig.

    • Tina, ,

      Was mir im Netz oft passiert, ist, dass ich über alles so schnell drüber lese und denke, es sei alles überflüssig.

Die Kommentarfunktion wurde abgeschaltet, da der Austausch mit den Autoren und den Lesern zum Thema "Heimatkunde" aktuell für die Bühne bearbeitet wird. Sie können das Ergebnis am 16. & 17. September jeweils um 19.30 Uhr im Theaterhaus Stuttgart erleben.

Karten unter www.theaterhaus.com