Heimatstadt

Ich trage Verantwortung und gebügelte Blusen. Ich habe zwei Söhne geboren und darf einen Mann an Orten der Begegnung mit „das ist mein Mann“ vorstellen. Ich habe schon ewig lange keine Eltern mehr, dafür aber eine IBAN-Nummer und Zahnzwischenraumbürstchen in verschiedenen Größen.

Ich brauche eine Gleitsichtbrille und morgens immer länger, um mich zu entknittern und in Gang zu kommen. Mehr als mein halbes Leben ist vorbei – aber es ist mir nicht gelungen, erwachsen zu werden und die Sehnsucht nach früher abzuschütteln.

Das spüre ich besonders, wenn ich in die blanken Augen meiner rosafarbenen, fadenscheinigen Stoffmaus Rosalinde blicke, die mich seit drei Jahrzehnten begleitet, oder wenn ich in meine Heimatstadt Aachen fahre. Dann taucht kurz vorm Ziel ein Braunkohlekraftwerk auf, grau und hässlich, aber für mich eines der schönsten Bauwerke, die ich kenne. Denn jetzt ist es nicht mehr weit bis dahin, wo ich mal zu Hause war, als die Sommer noch endlos waren, die Füße keine Hornhaut und das Essen keine Kalorien hatte.

Die Sehnsucht nach Heimat fühlt sich in meiner Kinderseele an wie der Durst am Morgen nach einer durchzechten Nacht: unstillbar. Nicht zu löschen. Verbunden mit dem stillen Schmerz, der stets die Erinnerung an das Unwiederbringliche begleitet.

Ich bin eine sentimentale, alte Kuh. Das stört mich nicht. Ich verreise mit meiner persönlichen Bettwurst, ein unförmiges Kissen, das mir überall auf der Welt das Gefühl vermittelt, ich sei daheim.

Rührselig werde ich zu den unpassendsten Gelegenheiten. Neulich zum Beispiel, als ich Heidi kennenlernte.

Ich sah in ihre treuen, blutunterlaufenen Augen. Ein Sabberfaden, in dem sich einige halbverdaute Grashalme befanden, senkte sich langsam von ihrem Maul herab. Sie legte den riesigen Kopf auf ihre Pfoten und seufzte zufrieden – vielleicht hatte sie auch nur gepupst.

Heidi ist eine deutsche Dogge, die wir an einem der letzten schönen Spätsommertage am Ostseestrand trafen.

Mein kleiner Sohn reichte ihr bis zur Schulter, mein großer Sohn rief „Sitz!“, woraufhin sich Heidi auf seine Füße fallen ließ, die Beine in die Luft streckte und sich den Bauch kraulen ließ.

Ich sagte: „Heidi, gib Pfote.“

Heidi tat nichts dergleichen, legte aber den Kopf schief, sabberte noch einmal ausgiebig und erinnerte mich schmerzlich an mein Hundchen, das vor meinen Augen überfahren wurde, bevor es ein Jahr alt wurde. Ich war damals zwölf. Ein schlimmes Trauma und eine große Sehnsucht, denn bis heute gehört für mich zu einem kompletten und behaglichen Heim ein Hund, der sich freut, wenn ich nach Hause komme, der im Traum auf Entenjagd geht und dabei schmatzt, der dich zwingt, abends noch mal rauszugehen, und der jeden Einbrecher freundlich wedelnd und mit einem Stöckchen im Maul begrüßen würde, dir aber trotzdem ein Gefühl der Sicherheit vermittelt.

Heimat ist da, wo der Pansen im Küchenschrank neben der Kondensmilch steht. Heimat ist da, wo dir die Namen auf den Grabsteinen Geschichten erzählen. Wo auf dem Friedhof unter pflegeleichtem Immergrün die Frau liegt, bei der du als Kind Brausebonbons gekauft hast, gleich neben der wunderbaren Nachbarin, die bis heute unerreichte Weihnachtskekse gebacken hat. Heimat ist da, wo du alte Leute kennst, wo die Telefonnummern fünfstellig sind und wo an Straßenecken und in alten Bäumen zahllose Erinnerungen hausen an die Zeit, in der die Dinge noch zum ersten Mal geschahen.

Sehnsucht ist nicht tot zu kriegen.

3 Kommentare

  1. Anny Schilling, ,

    Dieser Text zeigt auf feine Weise, dass sich Heimatgefühl aus vielen kleinen, scheinbar unbedeutenden Dingen zusammensetzt. Wie Perlen, die sich zu einer schönen Kette zusammenfügen. Meine Heimatkette beginnt mit der Farbe Orange. Aufgewachsen im Ruhrpott ist die Farbe Orange fester Bestandteil des Himmels, auch dann, wenn die Sonne schon längst im Westen verstaubt ist. Orange leuchtet der Himmel bei jedem Stahlabstich im Hochofen. „Das Christkind backt Kekse“ ist der angestammte Spruch der Eltern für die kleinen Kinder, damit diese Verfärbung überhaubt erst keine Angst hervorruft. Dieses warme, satte Orange steht für mich stellvertretend für die Wärme, Herzlichkeit und Offenheit der vielen Menschen in meiner Heimat Ruhrpott. Hier habe ich schon als Grundschulkind mit den Schülern mit türkischen Migrationshintergrund Ringelreihen getanzt und bevor es Börek und Pide an jeder Strassenecke zu kaufen gab, garantierten diese Gerichte auf jedem Schulfest Vielfalt, Neues und Abwechslung. Hier habe ich von Grund auf und mit einer positiven Selbstverständlichkeit gelernt, dass verschiedene Kulturen in Respekt miteinander funktionieren können. Das wünsche ich mir heute für unsere Gesellschaft, die für so viele Menschen neue Heimat sein soll. Und für die, die sehnsuchtsvoll in den Himmel schauen und „ihr“ Orange vermissen, wie ich.

    • Laura, ,

      Liebe Frau Schilling, da kennt man aus dem Ruhrgebiet aber auch andere Geschichten, leider. So nimmt jeder Regionen anders wahr. Die Offenheit der Ruhrgebietler habe ich als Norddeutsche auch immer eher aufdringlich erschienen. Da kommt man erst mit reiferem Alter dahinter… Beste Grüße ins Ruhrgebiet!

  2. Jasmin, ,

    Liebe Frau von Kürthy, ich muss gestehen, ich weiß nicht allzu viel über ihr Leben. Sie sind in Aachen aufgewachsen und nach Hamburg gezogen, Heimat scheint für sie vor allem ein Gefühl aus Kindertagen zu sein und sie von der Sehnsucht nach dem Alten eingenommen, nach der Kindheit. Wie verhält es sich aber mit der nachfolgenden Generation, ihren Kindern z.B., die nun, überspitzt gesagt, woanders zuhause sind als sie. Ich frage, weil ich mich noch gut daran erinnern kann, wie schockiert ich war, als ich ‚erwachsen‘ (oder älter) wurde und merkte: Bei Mutter/ Großmutter fühlst du dich zwar zuhause, ihre eigene Heimat, der Ort, an dem sie sich geborgen fühlt, liegt aber (weil die Familie im Krieg geflohen ist) weit, weit entfernt. Das machte mir alle auf einmal fremd. Bonbonfrau und Nachbarin weisen ihnen womöglich nicht denselben Platz im Herzen zu wie sie. Aber sollte Heimat nicht Generationen verbinden? Oder ist diese Zeit vorbei, jetzt wo die Menschen nicht mehr über Generationen an einem Ort bleiben?

Die Kommentarfunktion wurde abgeschaltet, da der Austausch mit den Autoren und den Lesern zum Thema "Heimatkunde" aktuell für die Bühne bearbeitet wird. Sie können das Ergebnis am 16. & 17. September jeweils um 19.30 Uhr im Theaterhaus Stuttgart erleben.

Karten unter www.theaterhaus.com