Freiheit

Es gibt doch diese Aussage, dass man, egal, wo man hinkommt, sich selbst immer mitnimmt und deswegen ebenso gut zu Hause bleiben kann. Dass man den eigenen Krampf überall hinschleppt. Und eine neue Heimat immer auch die alte ist.
In Tinstabook kann ich mal 12 sein, ich kann mal 48 sein. Ich kann sofort aktiv sein. Ich kann sehr kritisch sein. Reinplatzen. Falsch liegen. Ich kann fremd sein. Ich kann Aufsehen erregend sein. Ich kann mich zeigen und verstecken. Ich kann mitmachen oder zugucken. Ich kann mich ausprobieren. Ich kann mich ändern. Ich kann lernen. Ich kann scheitern ohne dass es jemand mitkriegt. Oder alle es mitkriegen. Ich kann erfinden. Lügen. Ich kann Utopien aufstellen. Ich kann Neues erfahren. Ich kann Neues erfinden. Ich kann mich verbinden. Ich kann mich verlieben. Ich kann mich verlieren. Und das, da gebt ihr mir doch Recht, ist sehr, sehr aufregend.
Seit ich allerdings in Tinstabook lebe, bin ich mich selbst nicht losgeworden. Kein bisschen. Die Freiheit ist so groß und toll und neuartig und trotzdem bleibe ich bei dem, was ich schon immer bin. Etwas an mir, also mich selbst, kann ich nicht loslassen, auch wenn ich es so gerne täte. Ich bleibe verhaftet.
Ist es also dieses Ich, was man überall hinschleppt, was letztlich die eigene, einzige Heimat ist? Und brauchen wir dann die Unfreiheit, um uns heimatlich zu fühlen? Ist Heimat nicht eigentlich auch das, was man nie los wird? Ist Heimat wirklich so toll? Sind nur diejenigen in Tinstabook zu Hause, die sich immer wieder selbst erfinden, inszenieren, denken können? Die surfen können, sich treiben lassen, sich gehen lassen? Die sich nicht festlegen müssen? Die keinen Boden unter den Füßen brauchen? Die auf Heimat scheißen? Ist Tinstabook das Gegenteil von Heimat?
Mir bietet dieses Land jedenfalls zu viele Möglichkeiten, um es als Heimat zu bezeichnen. Trotzdem mag ich es und werde es wohl  auch in Zukunft in hoher Frequenz besuchen. Und versuchen, mich daran zu beteiligten, dass es eines Tages das Land wird, was ich mir als Heimat erträume. Ich werde mich in Lässigkeit üben. Und in Liebe. Und in Freiheit.

Die Kommentarfunktion wurde abgeschaltet, da der Austausch mit den Autoren und den Lesern zum Thema "Heimatkunde" aktuell für die Bühne bearbeitet wird. Sie können das Ergebnis am 16. & 17. September jeweils um 19.30 Uhr im Theaterhaus Stuttgart erleben.

Karten unter www.theaterhaus.com