Heimat und Sprache

Bei uns alten Leuten (ich bin 78) ist das Gefühl für die Heimat noch eng verbunden mit der heimischen Sprache. Schwäbisch ist ja eigentlich keine Mundart, kein verschlamptes Hochdeutsch, sondern, um es mit Thaddäus Troll zu sagen: „Eine Sprache mit eigenem Wortschatz und eigener Grammatik, die sich auch in ihren Gefühlsinhalten völlig von der Hochsprache unterscheidet.“ Die Sprache meiner Heimat, das Schwäbische, ist differenzierter, oft präziser, bildhafter und klarer als das so genannte Schriftdeutsch. Troll: „Die Hochsprache ist nicht denkbar ohne eine lebendige Fühlung mit, ohne eine ständige Erneuerung durch den Dialekt. Sie würde sonst umkippen wie ein Gewässer ohne Sauerstoff.“ Möglicherweise würde er heute anders darüber denken. Doch für Menschen meiner Generation gilt das noch, zumal wenn man als Schriftsteller an seine Sprache gekettet ist. Das gilt insbesondere, wenn man, wie ich, Vieles im Dialekt schreibt. Aber dass da ein gewisser Abstand eine Hilfe sein kann, habe ich immer wieder bemerkt, seitdem ich in der Bundeshauptstadt lebe. Einmal sollte ich einer Gruppe Berliner den Unterschied zwischen Schwaben und Berlinern erklären. „Schwaben reden langsam und schaffen schnell“, sagte ich, „bei den Berlinern ist es genau umgekehrt.“ Die Proteste waren entsprechend. Man verlangte nach Beweisen! Also erzählte ich folgende Anekdote: „Bevor wir unsere erste Wohnung in Berlin bezogen, musste sie gründlich renoviert werden. Als wir mit dem Möbelwagen ankamen, funktionierte alles ganz ordentlich, nur das Klo war noch nicht eingebaut. Zufällig war der Installateur im Haus. Ich habe ihn sofort darauf angesprochen. „Keen Problem“, sagte er, „det mach ick Ihnen doch ratzfatz!“

„Na siehste“, sagte einer am Tisch. „Und wie wär das in Schwaben gewesen?“

„Der hätte gesagt: Ja brauchet Sie des denn so dringend? Deshalb fährt mr doch net extra her. Da ischt doch nix dra verdient. Könnet Se net bei ihre Nachbarn solang aufs Klo gange, bis mr sowieso amol wieder in dr Gegend ischt?“

„Na also!“ Zufriedenheit machte sich am Tisch breit bis ich fortfuhr: „Der wäre aber in den nächsten zwei, drei Tagen gekommen und hätte das Klo, wenn auch maulend, montiert.“

„Und der Berliner?“

„Bei dem hat es noch ein Vierteljahr gedauert, und jedes Mal, wenn wir angefragt haben, hat er gesagt: „Keen Problem, mach ick Ihnen sofort. In een, zwe Tagen haben Sie det Ding!“

1 Kommentar

  1. Lore, ,

    Lieber Herr Huby, vielen Dank für diese kleine Anekdote, die mich sehr zum Lachen gebracht hat. Die Szene ließe sich mühelos auf andere Regionen übertragen. Schön zu lesen, dass sie eine fröhliche Szene daraus machen, so ganz ohne Groll. Die Eigenarten sind ja auch überaus liebenswert.

Die Kommentarfunktion wurde abgeschaltet, da der Austausch mit den Autoren und den Lesern zum Thema "Heimatkunde" aktuell für die Bühne bearbeitet wird. Sie können das Ergebnis am 16. & 17. September jeweils um 19.30 Uhr im Theaterhaus Stuttgart erleben.

Karten unter www.theaterhaus.com