Heimatgerüche

Heimat geht durch die Nase. Pfannekuchen zum Beispiel. Oder frisch gemähtes Gras. Quittenmarmelade, Luftmatratzen, heißer Asphalt, die zerlesenen Seiten alter Bücher. Gerüche, die mich zuverlässig zurückversetzen in eine Zeit, als ich noch Milchzähne und den Eindruck hatte, mein Leben und das derer, die ich liebte, sei unendlich lang und unendlich schön.
Ich habe mehrere Heimaten, und der Weg zu meiner ersten führt durch das Langzeitgedächtnis in die Kiste mit den Kindheitserinnerungen. Ich habe nichts gegen meine frühen Erinnerungen. Im Gegenteil. Ich habe den massiven Eindruck, dass früher alles besser war. An Weihnachten lag immer Schnee, ich bekam stets genau das, was ich mir gewünscht hatte und über der gesamten, idyllischen Szenerie lag der Duft von frisch gebackenen Vanillekipferln.
Meine Recherchen haben jedoch ergeben: So war es nicht.
Aachen, meine Heimatstadt, belegt zusammen mit meinem jetzigen Wohnort Hamburg den letzten Platz auf der Liste der Städte, in denen man auf weiße Weihnachten auch nur ansatzweise hoffen sollte. Durchschnittlich warme Heilige Abende unterscheiden sich bei uns von durchschnittlich kühlen Sommerabenden nur dadurch, dass es früher dunkel wird. Dreizehn Grad begleitet von ergiebigen Regenschauern sind in beiden Städten das Ganzjahreswetter.
Meine Eltern, auch hier trügen mich meine glücklichen Erinnerungen, waren bedauerlicherweise überzeugte Anhänger von Holzspielzeug und anspruchsvoller Kinderliteratur wie Die wunderbare Reise des Nils Holgersson mit den Wildgänsen oder Sagen des klassischen Altertums. Ich dagegen favorisierte blonde Barbie-Puppen auf rosa Plastikpferden und Batman-Comics.
Ein ungelöster, innerer Konflikt bis heute.
Und, ich muss es im Sinne einer überfälligen Vergangenheitsbewältigung hier so offen sagen: Meine Mutter konnte sehr schlecht backen und hat das „Ich nehme die Backmischung und vergesse dann noch die einzige Zutat, die man selbsttätig hinzugeben muss“-Gen an mich weitergegeben.
War meine Kindheit womöglich gar nicht so glücklich, wie ich glaube? Ist diese Heimat womöglich nur eine alberne Illusion, ein Stückwerk aus falschen Erinnerungen? Gaukelt mir mein Langzeitgedächtnis eine Vergangenheit vor, die es so gar nicht gegeben hat?
Es ist nämlich so: Das Gedächtnis speichert das Außergewöhnliche.
Wir erinnern uns an das eine Weihnachten mit Schnee besser, als an die vielen ohne. Genauso wie wir die verregneten, langweiligen Ferientage vergessen und die sonnigen im Gedächtnis behalten.
Deswegen sind Kindheits- und Jugenderinnerungen so intensiv und so häufig: Weil so vieles, was uns in dieser Zeit begegnet neu und besonders ist. Der erste Urlaub am Meer. Der erste Liebeskummer. Die erste Flugreise. Der heilige Abend, an dem ich diesen unglaublich großen, weichen, braunen Stoffbären bekommen habe. Der Tag, an dem meine Großmutter beerdigt wurde und ich nicht verstand, warum ich nicht wenigstens einen Knochen von ihr als Andenken behalten durfte.
Unvergesslich.
Fast jeder, der nach dem Buch gefragt wird, dass ihn am meisten beeindruckt hat, wählt eines, dass er vor seinem dreiundzwanzigsten Lebensjahr gelesen hat. Und meistens ist Siddhartha von Hermann Hesse, Homo Faber von Max Frisch oder Die unendliche Geschichte von Michael Ende darunter.
Und die meisten Menschen idealisieren die Musik, die sie als Teenager gehört haben und sind der festen Überzeugung, dass bald nach Nena die Qualität dramatisch abgenommen habe und eigentlich nichts Hörenswertes mehr produziert wurde. Und, jetzt mal ehrlich: Nach Reinhard Mey, Whitney Houston, David Bowie und Hubert Kah kam ja auch wirklich nicht mehr viel.
Früher war nicht alles besser. Natürlich nicht. Aber früher war alles neu.
Der erste verknutschte Sonnenuntergang: Romantisch! Später denkst Du dann auch zuweilen ernüchtert: „Kennst Du einen, kennst Du alle.“
Der erste Geschlechtsverkehr ist in der Regel ein eindrucksvolles, wenn auch nicht immer angenehmes Ereignis. Jahre später schaut man dabei schon mal unauffällig auf die Uhr oder denkt an Klaus Kleber.
Gewöhnung setzt ein, unvermeidlich, und dann legen sie los, die Furien des Vergessens, wie Hegel sie nannte, schmeißen alles raus aus deinem Hirn, was schon mal so oder so ähnlich da war.
Vielleicht ist meine Kindheit nur glücklich, weil ich so ein schlechtes Gedächtnis habe? Bin ich etwa nicht in einem von Licht durchfluteten, palastartigen Gebäude mit imposanter Freitreppe groß geworden?
Ich beschloss, das zu überprüfen. Ich stellte mir vor das alte Haus, in dem ich aufgewachsen bin und überließ mich, wie immer, wenn ich meine erste, alte Heimat besuche, der Wehmut und dem mitreißenden Gefühl von Unwiederbringlichkeit.
Der jetzige Besitzer des Hauses erkannte mich, wie ich da so vom uralten Jammer beflügelt auf dem Bordstein stand, und bat mich herein in ein winziges Häuslein mit niedrigen Decken und kleinen Fenstern. Eine schmale Stiege führt nach oben in mein ehemaliges Kinderzimmer, in das nie die Sonne scheint.
Die Decken im Wohnzimmer kamen mir früher viel höher vor und die Flügeltüren, die sich in meiner Erinnerung opulent auf eine strahlend helle Terrasse öffneten, sind realistisch gesehen eher schmale Luken, durch die man sich auf eine, mit Waschbeton ausgelegte Freifläche zwängen kann. Der Quittenbaum im Garten ist ein knöchriger Busch und an den stattlichen Birnbaum erinnert nur noch ein fauliger Stumpf im Rasen.
Mein Kindheits-Palast schrumpfte zusammen auf das, was er war: Ein schlecht isoliertes Giebelhaus aus den fünfziger Jahren mit bemoostem Dach, kleinen Fenstern und schattigen Zimmern. Ich war enttäuscht. Zunächst.
Ich ging zurück auf die Straße, warf noch einen Blick zurück und bemerkte da bereits, dass sich meine Kindheits-Erinnerung von der Erwachsenen-Realität nicht unnötig beeinflussen lassen würde.
Kaum hatte ich dem kleinen Häuschen mit dem roten Dach in der Karl-Friedrich-Straße den Rücken zugekehrt, übernahm mein Gedächtnis wieder die Oberhand in meinem Hirn und überschrieb ungerührt das, was ich gerade gesehen hatte, mit dem, woran ich mich erinnern wollte und was seit dreißig Jahren die tonangebenden Bilder in meinem Kopf sind.
Und das hat ja auch der einzigartige Reinhard Mey bereits vor dreißig Jahren sehr ergreifend gesungen: „Erinnerungen sind vor allem in uns und nicht an irgendeinem Ort.“
Heimat auch. Heimat kommt von innen. Meine Heimat, das ist ein von Sonnenlichtlicht durchfluteter Palast mit imposanter Freitreppe. Mit einem Quittenbaum im Garten, üppig und wunderschön.

17 Kommentare

  1. Elly, ,

    Kennst Du einen, kennst du alle? Ich weiß nicht… manchmal denke ich mir, das müsste doch mal endlich passieren, dass mich das nicht mehr so aus den Latschen kippen lässt. Passiert aber immer wieder. Auch aktuell… seufz… ich bin vielleicht zu unruhig… Ist das schlecht, ist das gut? Jedenfalls fällt mir dazu ein, dass das etwas ist, was meinem Heimatgefühl den Boden wegzieht. Diese Unruhe. Ich bin so oft in meinem Leben umgezogen. Keine Paläste,. sondern eher Zirkuswagen. Das ist mein Heimatideal.

  2. Rabia, ,

    Es ist zwar verständlich dass man all das, das Haus in dem man aufgewachsen ist, den liebsten Kinderspielplatz, das Essen von Mama oder die alten Kinderspielzeuge, mit Erinnerungen verbindet, an das Gefühl von Unbekümmertheit, Sicherheit und Sorglosigkeit. Aber so hebt man Vergangenes als ein unerreichbares Ideal hoch! Dabei empfindet man doch auch später noch oft so. So oft könnten wir Positives aufnehmen und uns später vielleicht mal dran erinnern, so wie man es als Kind auch gemacht hat. Man hat einfach weniger über alles nachgedacht. Bzw über anderes. Auf jeden Fall weniger über sich selbst und über wechselnde Befindlichkeiten und Launen

  3. henning, ,

    an rabia
    zwar interessant gedacht, dass man als kind positives intensiv wahrgenommen hat, dass man die kunst der unbekümmertheit nicht verlernen soll sobald man älter wird – aber selbstreflexion ist etwas sehr wichtiges und man reflektiert eben mehr wenn man älter ist. viel negatives, viele unsicherheiten resultieren bestimmt daraus, aber wichtig ist das allemal. so unbekümmert wie als kind kann man sich als erwachsener nicht verhalten, man muss sich eben um vieles kümmern. man kann nicht mehr so sorglos sein, weil sich die eltern nicht mehr um einen sorgen, dass muss man selbst tun. und selbstreflexion ist die erste grundvoraussetzung eines prozesses, durch den man es erst lernt, alles so hinzubekommen, dass man mit allem glücklich sein kann.

    • Petra, ,

      Der Text von Frau von Kürthy stimmt mich wehmütig.
      Ich bin nach Jahren im Norden nach Westfalen zurückgekehrt, an einen Ort, den ich für meine Heimat hielt. Ich stellte fest, dass doch alles ein bisschen anders war als in meiner Erinnerung: die vertrauten Menschen waren nicht mehr (alle) da, da war niemand mehr, der einem Pfannkuchen backt. Und so stellte ich mir unweigerlich die Frage, ob es an diesem Ort schon noch schon immer so war, eine austauschbare Kleinstadt, die erst durch liebe Menschen und Familie belebt wird.
      Ist meine Erinnerung an meine Heimat die Erinnerung an ein Ideal, das es nie wirklich gegeben hat? Aber kann man das überprüfen, indem man an die Orte seiner Kindheit reist, ins alte Haus der Eltern – in die alte Heimatstadt?
      Oder ist Heimatgefühl nicht immer ein Prozess und etwas, das sich erst einschleicht, erst im Rückblick entsteht, das also immer mit Sehnsucht verbunden ist? Zumindest erinnere ich mich gut daran, dass ich das alles als Kind nicht als ‚Ideal‘ empfand. ‚Heimat‘ war für mich damals vielleicht der sichere Ort, von dem aus ich nach vorne blicken konnte, also gerade der Ort, von dem aus es möglich schien, alles so hinzubekommen, dass man mit allem glücklich sein kann, wie Henning schreibt.

      • Elly, ,

        Das ist das Problem mit den Westfalen: Die sind so stur, da kommt man nicht zwischen. Da habe ich selbst meine Erfahrungen mit gemacht, Heimat hat eben schon auch was mit regionalen Charakterzügen der Menschen zu tun. Und die gibt es!

  4. Michael, ,

    Das ist ein romantischer Blick auf Heimat. Wie passt das zu den drastischeren Texten der anderen Autoren? Ich will ja gar nicht dagegen an, dass DAS nicht auch Heimat sein kann, aber man bekommt gleich das Gefühl, dass man da irgendwie kritisch ran muss. Da fragt man sich, ob es noch möglich ist, dass so unterschiedliche Heimatbegriffe nebeneinander bestehen können; ob sich SO ein Heimatbegriff nicht immer gleich rechtfertigen muss. Und das wäre traurig.

    • Bea, ,

      Warum sollte man sich rechtfertigen müssen? Soll doch jeder so an Heimat denken, wie er will. Ein romantischer Blick ist doch was wunderbares, man muss ja nicht immer nur die Probleme in den Blick nehmen.

      • Peter, ,

        Das stimmt. Aber außer acht lassen kann man sie doch heute auch nicht…

  5. So So Aha, ,

    Wir erinnern doch das, was uns immer wieder erzählt wird: So soll Heimat sein, so soll Kindheit sein. Und siehe da, irgendwann ist sie das auch ein bisschen geworden. Nur irgendwann fällt einem auf, ich hatte ja die fast genau gleiche Jugend wie du. Ich errinnere mich an fast die gleichen Düfte wie du. Und an das gleiche Gefühl von Sommerurlaub auf dem Bauernhof. Und dann stellt man fest, wir haben beide sehr viele Pferderomane gelesen.

    • Anne, ,

      …ist das daher aber schlecht? Ich kann es deinem Kommentar nicht ganz entnehmen. Im Grunde müsste es uns alle doch verbinden, wenn wir feststellen, dass da enorme Gemeinsamkeiten bestehen. Ich glaube, dass verbindet aber erst ab einem gewissen Alter.

      • So So Aha, ,

        Muss nicht unbedingt schlecht sein. Nur halt vorprogrammiert. Wir leben alle in Bahnen.

        • Anne, ,

          Das stimmt. Na, eigentlich sollte uns das ja einen. Aber jeder nimmt sich wohl doch zu wichtig.

  6. Karin Lea Bonsfeld, ,

    Hallo Frau Kürty, ich weiß nicht, ob Sie sich an mich erinnern. Ich war bei Ihrer Lesung im Savoy-Theater in Düsseldorf. Gott, ist das schon wieder lange her… Das war 2014? Unter dem Herzen? Jedenfalls haben wir danach noch was in der Kneipe um die Ecke getrunken. Das heißt, ich war mit ein paar Freundinnen unterwegs und habe getrunken und Sie haben nicht getrunken, waren aber auch in der gleichen Lokalität. Und da haben wir nämlich – das fiel mir beim Lesen des Artikel, den Sie geschrieben haben, ein – über die Gerüche gesprochen. Von Eckkneipen und von bestimmten Regionen, ländlichen und anderen Regionen, und eigentlich also über Heimatgerüche, wenn man so will. Ich war übrigens die Blonde, mit der großen auffälligen Brille, der Sie dann noch ein Autogramm auf den Bierdeckel gegeben haben, weil ich das Buch im Theater hab liegen lassen. Den Deckel habe ich übrigens immer noch. Ich freue mich, wenn wir uns mal wieder begegnen. Leider komme ich im Moment so wenig vor die Tür, weil mich meine Süßen Kleinen nicht aus den Augen lassen (die sind jetzt 2 & 5). Aber das wird ja jetzt langsam besser, hab ich mir sagen lassen, und dann sehen wir uns bestimmt wieder. Viele Grüße, Karin Lea Bonsfeld

  7. Kirsten Heinrich, ,

    Es ist ein sehr schöner Text über Heimat. Es stellt für mich bildlich die Unbeschwertheit meiner Kindheit dar. Fast eins zu eins. Das ist doch genau das, was dich rettet, wenn es dir nicht gut geht. Man sucht in sich nach Heimat. Geborgenheit. Gewohnten, liebgewordenen Eindrücken. Gut, wenn man das in sich findet. Ich glaube, jeder findet auch negative Erinnerungen an die Kindheit wieder in sich, der eine mehr, der andere weniger. Um so bedeutsamer, dass man die positiven Erinnerungen noch deutlich in sich spürt. Damals wie heute ist das oft der Rettungsanker. Manchmal, wenn mir alles über den Kopf wächst, wünsche ich mir sehnlichst, fünf Jahre alt zu sein und in meinem Kinderzimmer zu wohnen. Der Wunsch nach der Unbeschwertheit, nach „ohne Verantwortung“, nach „Unwissen, wie schlecht die Welt sein kann“. Da find ich so einen romantischen Rückblick auf Heimat genauso rettend wie den guten Gedanken, der Peter Pan beim Fliegen hilft.

  8. Sandra Dintelmann-Pabst, ,

    Wie immer sehr lesenswert geschrieben.

    Und es bestätigt mich, vor 15 Jahren aus meiner Heimat der Liebe wegen weg gezogen, einmal mehr darin, meine Erinnerungen so zu belassen (nicht zu hinterfragen oder gar korrigieren zu wollen) und somit auch meinen Kindern nun eine ähnlich schöne Kindheit zu ermöglichen, mit langen von Lachen geprägten gemeinsamen Abendessen und viel Licht und Sonne in den Kinderzimmern und -herzen.

    Vielen Dank dafür!

  9. So So Aha, ,

    Wo sind eigentlich meine Kommentare zu diesem Text? Wo sind sie geblieben? Wird hier gefiltert?

Die Kommentarfunktion wurde abgeschaltet, da der Austausch mit den Autoren und den Lesern zum Thema "Heimatkunde" aktuell für die Bühne bearbeitet wird. Sie können das Ergebnis am 16. & 17. September jeweils um 19.30 Uhr im Theaterhaus Stuttgart erleben.

Karten unter www.theaterhaus.com