Heimatkunde f. alle

Die rauhen Kerle von der Müllabfuhr stehen beim Metzger Schlange: Klops mit Senf auf Stulle, Fleisch ohne Knorpel, gutes Mastfutter. Die Oma wird vorgelassen, sie lobt die Manieren der Männer: Früher, als noch geschossen wurde in Russland, da wo unsre Soldaten Blitzkriege führten, da hat man gewusst, die Dame hat Vortritt, nun ist aber seit langem Schluss mit Galanterie, weil jetzt macht man die Moslems fett, die kommen her, es schwappt sowas von schlimm rüber, die Negermuselmanen werden noch ein Stück Land abbeißen, so wie’s der Russe getan hat mit Königsberg… Der Metzger sagt: Ist gut, hier hab ich die zehn Scheiben Cervelatwurst, ich hab nicht ewig Zeit… Aufstand im Viertel, Deutschsein heute ist möglich, und wie aber umgehen mit den Syrern im Heim? Die sind alle still und brav, und wenn man es ihnen erlaubt, arbeiten sie wie der Teufel, da kann man nicht meckern. Die Nazis von der Platte an der Autobahnausfahrt sind stinkescheiße, öde Hupen, die können nur saufen und schlagen, was nach Hippie und Hipster aussieht, das nennen die Knaller arischer Widerstand. Endsieg heißt Endsuff, Endlösung ist Ende wegen Leberzirrhose. Manni war mal auf ‘ner Deutschlanddemo, er wählt Pegida, er geht zwar nicht wählen, aber er zieht mit, wenn man ‘n starken Arm zur Fremdenabwehr braucht. Das soll heißen? Manni, unzensiert: Die Oma meint doch, zu viel ist zu viel, die kann nachts nicht auf die Straße, da hat sie Angst vor. Als ich wegen der Demo in Neumünster war, sind die Zecken aufmarschiert, nicht alles kriminelle Kanaken, aber ein paar waren schon mit dabei, da hab ich gedacht, die haben mir gar nix zu befehlen, ich mach in mei ’m Land, was mir passt… Ich gelte für ihn als eine andere Sorte, als Edelnougat, hätte er was zu entscheiden, würde er mir eine Verdienstspange wegen guter Führung anstecken. Ein Müllermann hat sich beim hastigen Futtern verbissen, Blut auf der Lippe, Blut am Kinn, der Metzger reicht ihm eine Serviette, Manni grinst und wird angeschnauzt, zwei massige Kerle stehen Kopf an Kopf gegenüber, das haben sie sich von Fußballspielern abgeschaut. Ich spiele den Friedensrichter, die Oma hat die Wurst in der knittrigen Tüte verstau, und weil aber beim Metzger immer was los ist, stellt sie sich oft an den Beistelltisch und gafft, jetzt sagt sie: Junger Mann, lassen sie nur, früher gab’s tolle Prügeleien… Sie bekommt einen Verweis vom Metzger, sie soll nicht rumspinnen. Oma läuft Amok: Sie verteilt die Cervelatwurstscheiben auf dem Boden. Frau Metzgerin führt sie, ihre Schulter tätschelnd, vor die Tür, ich ahne eine nationale Ansprache voraus, folge ihnen ohne Frikadelle. Oma legt los: Der Jud steckt dahinter, und der Türk sowieso, es wird noch geschehen, dass ein Negerhäuptling Kanzler wird, das Land verdirbt, die Wurst verdirbt, und wir müssen das hinnehmen, wenn mein Mann noch leben würd, hätt er dem Metzger mit einem Donnerschlag ins Gesicht die Laune verdorben… An dieser Stelle mischt sich ein Afrodeutscher ein — hat er auf sein Stichwort gewartet? Er sagt: Ich bin deutsch und helfe Ihnen gerne über die Straße?…Und was passiert? Oma geht rein, kommt raus, schenkt ihm eine Frikadelle. Was ist das jetzt?, denke ich, wollen die mich veräppeln? Manni mutmaßte: Das sind großmütterliche Gefühle!…Omas Schmutz bleibt Schmutz, trotz der fehlgeleiteten Enkelliebe. Viele nette Bekloppte in meinem Viertel, auch ich bin nicht ganz sauber, die Deutschlandfahne hängt bei mir am Fenster, hoch lebe die Monokultur im Fußball! Affekte im Niedriggeistsektor, unteres Niveau und Unterschicht, das passt wie der Arsch auf den Eimer. Die Metzgerin ist noch stinkig wegen Omas Gewaltandrohung, sie knüppelt zurück mit Worten: Mein Mann hätt dein‘ Mann, wenn der noch leben tät, in die Stiefel gestellt! … Der Afrodeutsche Richi, Manni und ich verziehen uns zum Schützenpark, die Säufer haben die Bänke im Schatten belegt, sie reichen uns Pullen, wir lehnen ab, wir schwitzen uns halbtot. Richi und Manni reden über unschwule Deos, ich sehe Kötern beim Kacken zu. In der Hitze gärt das Tier und gärt der Dung. Ich geh nach Hause, glotz die Fahne an. Duschen für Deutschland.

10 Kommentare

  1. Barbara, ,

    Danke für diesen Text, der einem im Halse stecken bleibt. Die Wirklichkeit gut getroffen und mit messerscharfem, ungemütlichem Augenmerk die Situation dargestellt. Sehr gelungen!

  2. Tina, ,

    Lieber Feridun Zaimoglu, wir sind uns ja schon begegnet, ohne dass wir uns je gesehen haben. Ich bleibe jetzt trotzdem mal beim Sie. Ihr Text ist toll. Ihre Sprache macht das traurige Szenario irgendwie schön. Ich denke, schön haben sie´s da, in ihrem Wurstfachgeschäft. Kaputte und schön zugleich. Warum geben Sie diesen Typen diese schöne Kulisse?

    • Feridun Zaimoglu, ,

      Ich tauche gerne ein in gärende Milieus. Es gibt kein falsches und kein richtiges Leben im studentisch-akademischen Milieu. Mittelstand feiert Mittelmaß. Man blättere in den Romanen der deutschen Gegenwartsprosa – und schlage sie zu. Öde Geschichten von Mädchen und Buben, die nix erleben. Die glauben, daß es mitteilenswert sei, daß in ihrer Berlin Mitte-Kackwelt nix geschieht. Knödelkneter. Magazinpuppen. Homospießer. Behornbrillte Werbeknilche. Weg da. Ich such nicht Heil und Heilung, ich will nicht kinderwagenschiebende Stinknormale in meinen Geschichten zu Helden machen. Außerhalb des jungen deutschen Bürgertums wachsen die Worte an den Bäumen.

      • Tina, ,

        Toller letzter Satz. Zur Gegenwartsprosa kann ich wenig sagen. Dazu fehlt mir der Überblick. Ich kann nur sagen, dass ich dieses Bild vom deutschen Mittelstand so nicht teile. Für mich existieren diese gesellschaftlichen Gruppierungen nicht. Ich weiß natürlich, was gemeint ist. Aber wenn ich mich so umschaue, überrascht es mich immer wieder, wo überall die Schwermut liegt, wo die Verzweiflung lauert, wo überall Worte wachsen.

  3. Tina, ,

    Und noch eine andere Frage, die Sie, falls Sie sie beantworten wollen, gerne auch in meinem Blog beantworten können: Wie kam das, dass Sie ohne Computer und Netz leben? Und wie lebt es sich?

    • Stig, ,

      Das würde mich auch interessieren! Richtig merkwürdig, dachte ich, als ich das las. Und habe mich gleich gefragt, was hat der zu verbergen? Das geschah ganz intuitiv, aber natürlich weiß ich, dass das ein absurder Gedanke ist. Man muss ja nicht jeden Luxus (oder jede Last) nutzen. Aber es mutet doch gleich so subversiv an, ein Aussteiger, ein Abgeschotteter.

    • Feridun Zaimoglu, ,

      PC und Netz: Geräte, mehr nicht. Geräte machen Formfleisch. Für das Formfleisch gilt: Ich tippe, die Maschine diktiert. Was findet man im Netz? Das debile Moment der Selbstverortung. Kleine Träume, großes Geschwätz, Geflüster und Gerüchte. Man sitzt auf seinem Arsch, schickt die Seele in den Schirm und wird zum Klugscheißer. Der Allmachtstraum des Deppen: Reagiert auf mich, auch wenn ich vor Dämlichkeit stinke. Der amerikanisierte Fleischautomat setzt auf Fame. Seine Vokabeln: Ich meine, ich denke, ich spüre. Wer wird am meisten geliket? Die doofe Frau, der doofe Mann. Ich möchte nicht geliket oder gehaßt werden. Ich möchte nicht eine Meinung haben. Ich möchte keinen Austausch mit Deppen. Ich interessiere mich nicht für mich. Ich schreibe Geschichten.

  4. Julia, ,

    Gruselig, da sehe ich gleich meine Oma vor mir wie sie Ähnliches brüllt. Deshalb wohl auch beim Fleischer, altbackener geht es kaum. Aber so darf dich nicht die ‚Heimat‘ sein, da muss man was gegen tun.

  5. Caren, ,

    Wie traurig, die Szene. Man sollte auch alte Damen deutlicher zurechtweisen, sonst zieht das Kreise.

  6. Smokey, ,

    Der beste Stoff, ganz klar.

Die Kommentarfunktion wurde abgeschaltet, da der Austausch mit den Autoren und den Lesern zum Thema "Heimatkunde" aktuell für die Bühne bearbeitet wird. Sie können das Ergebnis am 16. & 17. September jeweils um 19.30 Uhr im Theaterhaus Stuttgart erleben.

Karten unter www.theaterhaus.com