Heimweh

Vielleicht ist dies der richtige Moment, einmal meinen Überdruss zu schildern – mit manchen Lesern, mit manchen Kritikern, mit manchen Zuschauern. Seit ich schreibe, wird mir immer wieder in ermüdender Regelmäßigkeit vorgeworfen, meine Bücher, meine Stücke oder ich selbst seien oberflächlich, fahrlässig romantisch und kindlich unreflektiert.
Hier, in diesem Blog, wurde ich nun gefragt, ob ich mich dafür rechtfertigen müsse.
Ich denke überhaupt nicht daran. Gibt es denn eine Verpflichtung, von der ich nichts mitbekommen habe, dass sich der Schriftsteller in bewegten und bedrückenden Zeiten ausschließlich mit der Krise befassen darf? Sind Texte, die sich nicht mit dem Leid der Flüchtlinge, mit der Angst vor Terror und der bedrohlichen politischen Situation befassen, automatisch minderwertig und zum Abschuss durch sogenannte Intellektuelle freigegeben? Glaubt ihr gebildeten, belesenen und kritisch denkenden Menschen denn wirklich, mein Herz und mein Hirn seien frei von Sorge, von Mitleid und von Wissen um die Umstände, in denen ich lebe, bloß weil ich mir erlaube, über meine Kindheit und meine romantisierte und unstillbare Sehnsucht nach meiner verlorenen Heimat zu schreiben – die nicht in einem Kriegsgebiet liegt, und die ich nicht unter Lebensgefahr verlassen musste?
Es war doch seit je her auch die vornehmste Pflicht der Kunst, die Menschen für Momente ihrem Elend zu entreißen und gut zu unterhalten. Ich habe mich nie geschämt dafür, dass Frauen manchmal Tränen lachen, wenn sie in meine Aufführungen kommen, dass sie sich selbst wiedererkennen in meinen Büchern, sich wohlwollend begleitet fühlen, liebevoll ertappt und, ja, auch abgelenkt von den großen Problemen der Welt, die nichts daran ändern, dass wir dennoch unter unseren vergleichbar kleinen Sorgen leiden.
Ich werde oft gefragt, ob mich die negative Kritik der Intellektuellen schmerze. Was für eine alberne Frage! Wenn ein veganer Restaurantkritiker in ein Steakhaus geht, wundert sich doch auch niemand, dass es ihm nicht schmeckt. Zu Recht beschwert sich niemand bei Martin Walser oder Botho Strauß darüber, warum sie nicht endlich mal einen heiteren Frauenroman schreiben. Sie wollen es nicht, wahrscheinlich können sie es auch gar nicht. Und mir ist es nicht gegeben, ein ergreifendes Gedicht oder einen fachkundigen Text über die politischen Katastrophen dieser Welt zu schreiben.
Aber zum Glück gibt es in den Bücherregalen und auf den Bühnen unseres Landes genügend Platz für die verschiedensten Talente. Auch für meines. Dafür bin ich dankbar.
Und jetzt will ich von dem heimwehkranken, kleinen Jungen erzählen, einem Freund meines Sohnes, der neulich bei uns übernachten wollte.
Es ist kurz vor Mitternacht, als der tapfere kleine Kerl mit seinem Kuscheltier im Arm in mein Schlafzimmer kommt und sagt: „Es tut mir leid, aber ich schaffe es nicht.“ Der Neunjährige legt sich einen Moment lang zu mir ins Bett, während ich die Nummer seiner Mutter wähle. Und dann ziehen wir los, das Kind und ich, beide im Schlafanzug und in Pantoffeln, und tapsen durch die Nacht. Er wohnt keine zweihundert Meter von uns entfernt, aber sein Heimweh ist unerträglich, und er schämt sich seiner Tränen.
„Heimweh ist etwas Wunderbares“, sage ich ihm, als wir an seiner Haustür klingeln. „Heimweh kann man nur haben, wenn man ein Heim hat, nach dem es sich zu sehnen lohnt.“ Vermutlich formuliere ich das etwas kindgerechter, hoffe ich zumindest. Wir gehen die Treppe hoch, der kleine Junge wird von seiner Schwester in Empfang genommen und mit den Hausschuhen streift er seinen Kummer und seine Sehnsucht ab, geht ins Bett und schläft augenblicklich ein.
Ich denke auf dem Nachhauseweg, und das wird vielleicht die Weltpolitiker unter meinen Lesern besänftigen, an die Kinder, die ihr Heimweh nicht stillen können, weil sie keine Heimat mehr haben, in die sie zurückkehren konnten. Und ich denke an meine Sommerferien, die ich in diesem Jahr in Ungarn verbracht habe. Zum ersten Mal nach dreißig Jahren fuhr ich zurück in das Heimatland meines Vaters und den Ort meiner unendlich langen Kinderferien und machte mich auf die Suche nach Erinnerungen, um meine Sehnsucht zu stillen.
Der See roch so wie früher, und an der Straße stieß ich auf ein verfallenes Haus, in dem ich mit meinen Eltern viele Sommer lang gewohnt hatte. Am Strand standen noch ein paar große, alte Bäume, die uns damals schon Schatten spendeten, und das Wasser war immer noch so weich und warm wie die Arme meiner Mutter. Ich war glücklich und bewegt. Aber gebracht hat es nichts. Meine Heimat ist kein Ort, an den ich zurückehren kann. Er liegt nicht in Trümmern, aber er liegt in der Vergangenheit.
Ich gehe ins Bett, und wenig später kommt mein Sohn schlaftrunken herein. Er hat schlecht geträumt, legt sich zu mir und schläft sofort in meinen Armen ein, seine Nase an meinem Hals. Ich bin eine Heimat, denke ich, und folge ihm glücklich.

4 Kommentare

  1. Christine Becker, ,

    Liebe Frau Kürthy,
    ich liebe Ihren sanften, durchdachten Beitrag und ihre leichte und gleichzeitig tiefe Sprache. Heimat ist etwas Schönes und Besonderes und jeder Mensch verbindet etwas anderes, sehr Persönliches damit. Danke, dass sie die Gefühle ihres kleinen Kurzzeitmitbewohners respektiert haben und ihn die 200 Meter zurück in seine Heimat gebracht haben. Es gibt genug Herzensleid in dieser Welt, für das es aktuell keine schnelle Lösung gibt.
    Ob Sie sich für Ihre Arbeit rechtfertigen müssen? Nein – warum!?
    Herzlichen Gruß
    Christine Becker

  2. Nadine Behrens, ,

    Liebe Ildiko,
    Die Gesellschaft will immer höher, besser schneller, weiter, kluger, reifer etc. sein. Auf der Strecke bleibt das Gefühl, der Stillstand, die Ruhe und was mir persönlich ganz wichtig ist, die Selbstreflektion. Daher glaube ich, kommt Kritik an Leichtem, wie dem Ihrem. Sei es nun in Wort, Schrift oder Tat. Bitte niemals rechtfertigen, wenn die Öffentlichkeit danach ruft…. Recht macht man es doch niemals allen.
    In diesem Sinne, erheitern Sie ruhig weiter…..

  3. Ingrid Horn, ,

    Sehr geehrte Frau Kürthy, Ich finde es toll, bemerkenswert, wie Sie Ihren „Frust“ heruntergeschrieben haben, und es hat mich tief beeindruckt. Man kann es nie allen recht machen, aber man muss lernen, mit Anstand zu akzeptieren und kritisieren.. Ich möchte Ihnen sagen, dass ich Sie bewundere, wie Sie Ihre Romane schreiben, und würde gern ein kleines bisschen so können. Ich versuche auch, die Lebensgeschichte meiner Eltern zu schreiben bis in die heutige Zeit. Ich würde es gern dann einmal meinen Enkeln schenken. Ihre Episode mit dem kleinen Jungen, der bei Ihrem Jungen geschlafen hat, erinnert mich in gleicher Weise an meinen Sohn und jetzt wieder an seinen, meinen kleinen Enkel. Ich möchte Ihnen Danke sagen, für die vielen schönen Momente, die ich mit Ihren Büchern erlebt habe und freue mich und lache manchmal so herzlich darüber. Das musste ich Ihnen schreiben. Ich wünsche Ihnen alles Gute und noch viele Ideen für weitere Bücher. Herzliche Grüße

  4. Regine Mang, ,

    Liebe Frau Kürthy!
    Ich habe ALLE Ihre Bücher (als Hörbuch) und kann schon mitsprechen, weil ich mir die CDs immer und immer wieder anhöre. Eine CD kam durch das ewige Anhören sogar schon zu Tode 🙂

    1.: ich bin aus Wien und liebe Hamburg, bin sehr oft dort, will dort auch hinziehen und arbeiten – d.h. wenn Sie einen Platz/Stelle etc in HH beschreiben, weiss ich meist genau, wo der ist

    2.: Ausserdem denke immer, Sie schreiben über MICH – da trifft und passt einfach ALLES auf mich zu! Es ist so unglaublich….

    3.: Ihre Aussagen finde ich zum Totlachen und vor allem realistisch (zu)treffend! Zitiere meinen Lieblingsspruch von ‚ihrer‘ Tante Rosemarie: ‚Willst du was gelten, mach dich selten!‘ – der wirkt und stimmt tatsächlich…

    Schade, dass Sie keine Lesungen in Wien halten, würde mich gerne mal mit Ihnen unterhalten und Sie würden die Person (mich) kennenlernen, über die Sie seit Jahren schreiben 🙂 😉

    Bitte bald wieder ein (Hör)Buch !!!!! Danke und herzliche Grüße aus Wien, Regine

Die Kommentarfunktion wurde abgeschaltet, da der Austausch mit den Autoren und den Lesern zum Thema "Heimatkunde" aktuell für die Bühne bearbeitet wird. Sie können das Ergebnis am 16. & 17. September jeweils um 19.30 Uhr im Theaterhaus Stuttgart erleben.

Karten unter www.theaterhaus.com