Integration

Freunde selbst aussuchen. Selbst entscheiden, wen man mag und wen nicht. Auch jemanden mögen dürfen, der oder die einen nicht mag. Entscheiden dürfen, mit was man sich beschäftigen möchte. Die Art der Gespräche mitbestimmen. Inhalte selbst wählen. Interessen von Tag zu Tag neu ausrichten. Widersprüchlich sein dürfen. Das alles ist bei Tinstabook nicht selbstverständlich. Die dortigen Integrationsbeauftragten haben einen klaren Auftrag: Das sind deine Freunde, deine Interessen und hier hast du ein paar Links zum Spaß haben. Tinstabook erkennt nicht die Vielschichtigkeiten menschlicher Bedürfnisse. Die Lust am Elend oder die Angst vor dem Kranken, der Durst nach Neuem, der Wunsch nach Verständnis. Tinstabook hat keine Ahnung, wer ich bin. Es ist anstrengend, sich ständig gegen dieses aus Algorithmen errechneten Konstrukt seiner selbst abgrenzen zu müssen. Ständig sagen zu müssen, ich bin mehr als Jobs-mit-Sinn, Hildesheimer Kulturwissenschaftler und Gemeinsam-gegen-TTIP. Ich habe noch ganz andere Seiten an mir als nur den Jan-Böhmermann-Fanclub. Ich bin nicht Freithal-gegen-Heime und auch nicht die Schweizerische Volkspartei, nur weil ich mich da mal entsetzt umgeschaut habe. Meine wahren Freunde sind ganz andere Freunde, als die Freunde, die sich ständig auf meiner Facebook-Seite rumtummeln. Ich habe ein anderes Beuteschema als das, was Tinder mir errechnet. Ja, mich interessiert Vieles und ja, die Welt ist komplex, aber es gibt einiges, davon erfahre ich auf Twitter, aus was für Gründen auch immer, einfach nichts. Und wenn ich mich dann auf eigene Faust durchfragen will, glaubt Google tatsächlich besser zu wissen, wonach ich suche, als ich selbst.
Es gibt da Auswege, ich weiß, aber um die anzuwenden, muss ich mich erst auskennen. Und um mich auszukennen, muss ich mich einleben. Und wie lebt man sich ein? Man braucht jemanden, der einem an der Hand nimmt und einem das Land zeigt. Mit allen Tipps und Tricks. Mit allen Fallen und Finten. Mit allen Geheimverstecken. Mit allen Wundergärten. Zumindest ich brauche das. Manche zwölfjährigen Kinder durchschauen die unendliche Komplexitäten von Tinstabook auf einen Blick von ganz alleine. Aber ich in meinem Alter, mit meinen Vorurteilen und Ängsten, meinen Bequemlichkeiten und meiner begrenzten Aufnahmefähigkeit für Neues, brauche Hilfe. Ich bin wirklich integrationswillig. Aber ich brauche euch. Es kann doch nicht sein, dass immer nur die dazu gehören, die alles sofort von selbst verstehen.

8 Kommentare

  1. Marc P., ,

    Ganz genau, wir alle verdummen ohne es zu merken. Wir liken, was uns angeboten wird. Wir sehen nur noch einen klein vom Ganzen. Und dann meinen wir, wir hätten einen breiteren Blick als je zuvor. Der Algorithmus von Facebook ist unendlich gemein. Man sieht vor allem das, was viele sehen, dahingegend wurde erst kürzlich der Algorithmus geändert. Heißt also, man hört und sieht vor allem Inhalte und Meinungen, mit denen man eh konform ist! Kein Wunder, dass sich viele Menschen da so zuhause fühlen und das Gefühl haben, dass man sie versteht. Das ist aber ein Trugschluss.

  2. Anna, ,

    Am schlimmsten ist doch, dass viele ihr Leben nun daran messen, wie sie digital aufgestellt sind, wie viele Freunde sie haben, wie viele ihren Post mögen. Unser Leben, unser Körper ist aber noch nicht völlig digitalisiert und im Netz aufgelöst. Das wahre Leben bleibt einfach auf der Strecke.

  3. Tina, ,

    habe diese seite gefunden, die einem hilft, alles lesen zu können und nicht nur das, was facebook für mich aussucht. alles ist natürlich viel. aber besser, als vorsortiert. https://blog.wdr.de/digitalistan/facebook-ohne-algorithmus/

    • Lisa, ,

      Danke Tina, klingt interessant (das Sortieren nach ‚Neusten Meldungen‘ kenne und mach ich; ist bisher aber sehr mühsam), ich bin sehr gespannt. Leider werden wohl nur sehr wenige, das steht ja auch im Artikel, wissen, dass man was und was man gegen das vorsortierte Lesen machen kann, so wird Facebook wohl weiter lange gesellschaftliche Extreme fördern. Wie traurig. Aber man kann ja immer noch aussteigen. Nur habe ich mich das noch nicht ‚getraut‘.

      • Tina, ,

        ich will ja eben nicht aussteigen, sondern endlich ankommen.

        • Lisa, ,

          Na, ob das klappt? Kaum hat man’s raus, ändern die den Algorithmus wieder…

    • Jens, ,

      Ganz interessant könnte auch diese Seite sein: allfacebook.de/ Die richtet sich aber vor allen an Unternehmen. Obwohl, eigentlich geht’s ja auch bei privaten Konten um’s Vermarkten der eigenen Person.

  4. Katharina, ,

    Katharina: Heißt du wirklich Hartmut?
    Amir: Nein. Amir.
    Katharina: Echt?
    Amir: Warum die Zweifel?
    Katharina: Wer einmal lügt… Ne Spaß … Amir ist wirklich schön.
    Amir: Die Lüge basiert auf Facebook. Wollte da gerne nicht mit Klarnamen
    auftauchen.
    Katharina: Ja. Klar. Verstehe.
    Amir: Du heißt aber schon immer Katharina?
    Katharina: Ja. Ist eh so häufig und allerwelts…
    Amir: Find ich auch nicht schlecht den Namen.
    Katharina: Merci. Heißt du Akram mit Nachnamen? Ich bin Whats-App und
    Tinder – Anfängerin. Mich macht das ganz kirre dass ich mich mit den
    Einstellungen nicht auskenne. Siehst du auch meinen Nachnamen? Kann
    man irgendwo einstellen dass keiner sieht wann man online ist und wann
    man die News gelesen hat ? Grrrr.
    Amir: Super. Da sind wir schon zu zweit. Wenn du weißt wie man das ausstellt (wo
    siehst du das überhaupt?) Gib bitte laut. Argh. Und ja Akram.
    Katharina: 😉
    Amir: Achso deinen Namen sah ich nicht. Nur Katharina. Alles schick.
    Katharina: Noch eine Frage bevor ich los muss: ist es deine (Ex-)freundin auf dem
    Profilbild?
    Amir: Ja. Exfreundin. Warum?
    Amir: Ich hab übrigens damit gerechnet. Fest.
    Amir: Dass diese Frage kommt.
    Amir: Also zeitnah kommt.
    Katharina: Sie ist sehr hübsch auf dem Foto, deine Exfreundin. Und lässig. Hast du
    morgen Abend schon was vor?

Die Kommentarfunktion wurde abgeschaltet, da der Austausch mit den Autoren und den Lesern zum Thema "Heimatkunde" aktuell für die Bühne bearbeitet wird. Sie können das Ergebnis am 16. & 17. September jeweils um 19.30 Uhr im Theaterhaus Stuttgart erleben.

Karten unter www.theaterhaus.com