Lässigkeit

Eins muss ich klarstellen. Ich finde Tinstabook nicht schlimm. Oder nicht nur schlimm. Ich komme nicht klar, ja. Aber ich finde es eigentlich ein wahnsinnig aufregendes Land. Ein viel versprechendes Land. Ein Land voller Abenteuer, die aber leider bislang fast alle ohne mich stattfinden.

Leute in meiner Umgebung sagen, nicht die Welt sei schlimm, also die Welt sei schon schlimm, aber besonders schlimm sei die Darstellung der Welt durch Tinstabook. Es sei plötzlich alles so nah und so direkt verfolgbar. Deswegen empfinde man die Welt als noch schlimmer als das, was früher schon schlimm war. Es sei also letztlich Tinstabook das wahre Übel der Welt. Ausgerechnet Tinstabook, meine neue Heimat. Und siehe da, plötzlich fange ich an, eben diese Verteidigungshaltung einzunehmen, von der ich in meinem vorletzten Text geschrieben habe. Dieses So-kann-man-das-aber-auch-nicht-sagen. Ja, Tinstabook ist manchmal abgründig und schrecklich, aber doch nur so schrecklich wie die Welt darum herum. Eben genau gleich schrecklich. Es sind wir Bewohnerinnen und Bewohner darin, die einen Umgang mit diesem Schrecken finden müssen.

Was fast allen von uns in diesem Land fehlt, ist doch der elegante Umgang miteinander. Oder wenn ihr lieber wollt: Die Lässigkeit. Menschen haben neue Regionen bislang selten mit Lässigkeit zu ihren Heimaten gemacht. Der Akt der territorialen Aneignung ist meist ein gewaltvoller. Es geht barbarisch zu, Schlachten werden geführt, übergroße Gefühle kommen auf. Der noch nicht bis in den letzten Winkel reglementierte Raum setzt Kräfte frei, man will Grenzen testen, Unmögliches möglich machen, ausbrechen, sich neu erfinden, einen besseren Platz ergattern und dann ist da auch immer dieser ewige Traum der grenzenlosen Freiheit. Eigentlich toll. Nur meiner Empfindung nach nicht besonders heimatlich. Wie also geht der Akt der Heimatisierung? Und wie wird diese Heimat für einmal endlich eine Heimat für alle? Ich glaube ans Internet, diesen Spielraum, diesen Erfindungsraum, diesen verrückten, grenzenlosen Begegnungsraum. Aber ohne unsere Lässigkeit geht da gar nichts.

3 Kommentare

  1. Lena, ,

    Ich muss sagen, ich kenne eigentlich niemanden, der behauptet, die Sozialen Medien seien schlimm, weil das Übel der Welt einem da viel näher sei kann. Übel ist vielleicht hingegen, dass das so viele Banalitäten nah sind. Was ist die Lena zum Frühstück, wie sieht sie im Urlaub am Strand aus, was trägt die heute für Schuhe? Ich glaube auch, dass die Sozialen Medien viel Potential haben.

    • Steffi, ,

      Vielleicht fehlt die Lässigkeit, weil viele Menschen noch nicht filtern können. Sie sehen so viele banale Dinge online und haben das Gefühl ‚Oh, ich muss das alles mitnehmen. Ich muss mir immer ALLES angucken.‘ Und dann sind sie überfordert, gestresst und völlig unlässlig. Man muss halt auch mal Nein sagen können. ‚Nein, heut guck ich mir nichts auf Facebook an und ich scrolle am nächsten Tag auch nicht alle News von gestern durch.‘

  2. Seemondfee, ,

    Liebe Tina,

    hier ein exzellenter Essay in Aeon zum Thema:
    https://aeon.co/essays/the-internet-as-an-engine-of-liberation-is-an-innocent-fraud

    Nach erholsamen, weitgehend offline Urlaub taumle ich nun wieder in die selbstreplizierende Spirale die Du Tinstabook nennst. Ist nicht schön, aber ästhetische Missempfindungen können wir uns ja fast nicht mehr leisten, oder?

    Grüße

Die Kommentarfunktion wurde abgeschaltet, da der Austausch mit den Autoren und den Lesern zum Thema "Heimatkunde" aktuell für die Bühne bearbeitet wird. Sie können das Ergebnis am 16. & 17. September jeweils um 19.30 Uhr im Theaterhaus Stuttgart erleben.

Karten unter www.theaterhaus.com