Langsam getanzt ist auch getrauert

In dem Buch „So semmer halt – Der Schwabe und die Republik“, das ich mit Hans Münch geschrieben habe, lassen wir einen Mann aus vergangener Zeit in unseren Tagen in seine alte Heimat zurückkehren. Er ist Jude, geboren in Ulm und einer der größten Wissenschaftler aller Zeiten: Nun sitzt er im Flugzeug – zurück in die USA. Bei klarem Himmel zieht die Maschine eine Kurve über Stuttgart und dem Neckartal. Der Mann spürt einen leisen Schmerz in seinem Herzen. Heimweh vielleicht, bevor er seine alte Heimat ganz verlassen hat? Eine Liedzeile fällt ihm ein: „Ich möchte am liebsten fortgehn und bliebe am liebsten hier.“ Er lächelt. Es gab ja auch das Gegenteil: „Dahoim sei ond trotzdem Jomer hau“, lautete ein alter schwäbischer Satz aus seiner Kindheit. Fast gleichzeitig erinnert er sich an einen Spruch, den er in Berlin aufgeschnappt hatte, ehe er damals Deutschland verlassen musste: „Langsam jetanzt ist och jetrauert!“ Er lächelt der Stewardess zu, die ihm in diesem Augenblick einen Kaffee serviert. Mehr zu sich selbst sagt er: „Was weiß der Fisch von dem Wasser, in dem er schwimmt?“
„Wie bitte?“ Die junge Frau lacht kurz auf.
Der Fluggast winkt ab. „Das habe ich vor langer Zeit einmal geschrieben.“
„Kann ich sonst noch etwas für Sie tun? Wenn Sie irgendwelche Fragen haben …“, sagt die Stewardess.
„Wissen Sie, früher hatte ich auf jede Frage eine Antwort. Heute habe ich nur noch Fragen. Allerdings habe ich früher schon immer gesagt: ‚Das schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle‘.“
Die Stewardess sieht ihm leicht befremdet in die Augen. Dann sagt sie auf einmal: „Sie kommen mir irgendwie bekannt vor.“
„Ja, das passiert mir gelegentlich“, antwortete der freundliche alte Herr. „Aber der, an den Sie denken, lebt schon lange nicht mehr. Nur manchmal schaut er noch mal vorbei, um zu sehen, was sich geändert hat.“
„Und?“, fragte die Stewardess.
„Heute machen die Menschen andere Fehler als damals. Aber eins ist schön“, er zeigt zum Fenster und auf die kleiner werdende Landschaft hinab. „Dieses Land hat seit beinahe 70 Jahren Frieden. Wann hat es das je gegeben?“

2 Kommentare

  1. Benjamin, ,

    Es gibt also Sprichwörter und Plattitüden für jede Einstellung (gibt auch ‚Wer langsam geht, kommt weit‘), da gibt es kein Richtig oder Falsch. Wie man es macht, es ist doch verkehrt. Man muss doch irgendwann raus aus dem trauten Heim und ein eigenes Leben anfangen, aber am Bequemsten ist es, man bleibt doch zuhaus. So oder so wird man das eine oder andere bereuen, wenn man älter wird un sich fragen, ob es nicht anders doch besser gewesen wäre. Aber auch das ist ein natürliches Gefühl, was mit dem Begriff Heimat verbunden ist.

  2. Lis, ,

    Gerade schwäbische Eigenschaften gelten wohl nicht überall als feine Charakterzüge, aber ich finde es ist wichtig, dass man die Eigenheiten, die Mundart (die ich kaum verstehen kann) etc. etc. erhält. Und tatsächlich erscheint ja bei allen Unterschieden entscheidend, dass man in Frieden leben kann, ganz wie es in der Geschichte heißt!

Die Kommentarfunktion wurde abgeschaltet, da der Austausch mit den Autoren und den Lesern zum Thema "Heimatkunde" aktuell für die Bühne bearbeitet wird. Sie können das Ergebnis am 16. & 17. September jeweils um 19.30 Uhr im Theaterhaus Stuttgart erleben.

Karten unter www.theaterhaus.com