Meine fremde Sprache

Das Leben in der Fremde ist eine ständige Reise zwischen zwei Orten, Sprachen und Zeiten. Dadurch wird das Gedächtnis andauernd wachgerüttelt.

In der Fremde lebt der Mensch täglich in der Konfrontation zwischen Gedächtnis und Alltag. Diese kann zerstörerisch und gleichzeitig schöpferisch sein.

Die schöpferische Arbeit in der Fremde bedeutet Ankunft und das Hinterlassen von Spuren, die zeigen, dass der Mensch hier war. So ist die Poesie ein Versuch, die Fremde zu überwinden. Durch die deutsche Sprache bekam ich ein fremdes Bewusstsein, sie ist meine Entfremdung und vielleicht auch meine Identität. In einer fremden Sprache zuschreiben, die nicht die Kindheitssprache ist, wird oft zum Abenteuer, bei dem man die Hindernisse in beiden Sprachen überwinden muss. Als Feuerprobe gestaltet es sich immer wieder, wenn die beiden Sprachen keine gemeinsame Wurzel haben. Arabisch und Deutsch haben keinen gemeinsamen geistigen Ursprung, kein gemeinsamen Nenner in der Grammatik, der Syntax und im Rhythmus. Für mich ist es ein besonderer Anreiz, mich auf dieses Abenteuer einzulassen. Der Widerstand, den die fremde Sprache mir entgegensetzt, gehört zur Ästhetik meiner Literatur. Die deutsche Sprache, in der ich rede und schreibe, ist anders als die, die deutsche Autoren sprechen und schreiben. Ich lernte zuerst die Sprache des Alltags und dann die der Literatur.

Erstere lernte ich, um hier zu überleben und zurechtzukommen. Es galt, den Bruch zwischen beiden Sprachebenen zu verarbeiten. Hinzu kam noch der Bruch mit den literarischen Traditionen der Muttersprache. So versuche ich, neue Wege in der Literatur zu finden. Ich entwickele für mich neue Metaphern, neue Bilder, sogar neue Sätze. Ich lebe seit 38 Jahren in Deutschland.
Ich bin ein deutschsprachiger Autor, aber ich habe auch eine andere Kultur in mir. Ich schätze die deutsche Sprache sehr, denn ich lebe in dieser Sprache und erfahre in ihr Zärtlichkeit, Zuneigung, Fremdheit und Akzeptanz. Ich merke, dass ich die Sprache nie mehr verlassen werde. Ich bewege mich in ihr. Ich bin in ihr mal aktiv, mal passiv. Es ist eine Sprache, die viel Poesie besitzt und viele Möglichkeiten in sich birgt, neue Worte und neue Bilder zu kreieren.

Ich muss in der neuen Sprache neue Worte schöpfen, die meiner orientalischen Seele entsprechen, durch die ich Deutsch anders höre. Dadurch entsteht ein neuer Sound. Ich musste mich in die deutsche Sprache einfühlen und lernen, in ihr zu denken, weil die Art, in meiner Muttersprache zu denken, nicht dieselbe ist. Ein Beispiel dafür ist das unterschiedliche Verständnis von Alleinsein. Im deutschen Sprachgebrauch hat es eine durchaus positive Konnotation. Die Fähigkeit, mit sich allein sein zu können, gilt als Ausdruck persönlicher Unabhängigkeit und Stärke. In Deutschland ist es selbstverständlich, dass jemand allein spazieren geht oder alleine lebt. In den Mittelmeerkulturen dagegen bedeutet Alleinsein immer einen Rückzug von den Menschen der nächsten Umgebung; wer sich zurückzieht, hat Kummer oder Probleme. Alleinsein gilt als Störung.

Die Vergangenheit ist Teil meiner Person. Sie lässt sich nicht ausradieren. Sie hockt ständig in einer Ecke unseres Bewusstseins. Deshalb braucht man keine Angst davor zu haben, sie zu verlieren. Ich trage ein altes, geistiges, emotionales und persönliches Erbe in mir. Es stammt aus der mediterranen Welt. Zu diesem Erbe gehören meine Erinnerungen an die Kindheit und die Bilder, die in meinem Kopf hängen geblieben sind und meine Fantasie beflügeln. Meine Texte sind das Ergebnis der arabischen und europäischen Kulturvermischung. In ihnen versuche ich, den Widerspruch zwischen meiner Vergangenheit und meiner Gegenwart zu begreifen.
Vergangenheit und Gegenwart klaffen kulturell, sprachlich und existentiell auseinander. Deshalb versuche ich, gestern und heute, nah und fern, hier und dort zu verbinden. Diese Vermischung geschieht in einem Raum ohne Zeit und Ort. Das ist für mich ein Vergnügen, wobei ich mit der deutschen Sprache sehr weit gehen kann.

12 Kommentare

  1. Barbara, ,

    Lieber Suleman Taufiq, leider kenne ich Ihre Texte nicht, aber mir gefällt Ihre Liebe zur Sprache und Ihre Beschreibung dazu.

    • Suleman Taufiq, ,

      Hallo Barbara! Als ich vor 44 Jahren nach Deutschland kam, hatte ich zwar Englisch und Französisch gelernt, aber kein einziges Wort Deutsch. Das änderte sich schnell. Ich kaufte mir sofort ein Buch und folgte mit Hilfe eines Wörterbuches einem unwiderstehlichen Drang. Bevor ich die deutsche Sprache kennen und lieben lernte, schätzte ich deutsche Literatur und deutsche Philosophie sehr hoch. Um meinen Wissensdrang zu befriedigen, wollte ich die Sprache schnell lernen. Seit langem ist Deutsch die Sprache meines Alltags und meiner intellektuellen Ambitionen. Nuancen der Sprache verstehen, damit spielen, Missbrauch von Sprache erkennen und bloßlegen, das schafft Vertrauen in die eigene Sprachfertigkeit. Vertrauen in die deutsche Sprache ist aber nicht automatisch verbunden mit Vertrauen in die deutsche Gesellschaft.

  2. Elly, ,

    Ist es nicht auch ein Vorteil, wenn man in einer fremden Sprache schreibt? Man fühlt sich auf gewisse Art und Weise freier, weil nicht jedes Wort so vor Erinnerung trieft und belastet ist. Jedenfalls geht mir das so, wenn ich gelegentlich auf Englisch herumradebreche… Ich würde mich freuen, wenn ich es besser könnte… aber andererseits befreit es mich auch davon, von diesem Druck es genau richtig sagen zu müssen… oder dieser Angewohnheit sich selbst zu kontrollieren, sich selbst zuzurufen: Dass geht aber doch besser, Elly! Das kannst du doch besser ausdrücken, das trifft es doch noch nicht so wirklich, du willst doch eigentlich was anderes sagen…. Im Englischen: Everything is easy. IT`s all rock n`roll….

    • Suleman Taufiq, ,

      Liebe Elly,
      Ich finde es interessant, in der Nichtmuttersprache zu schreiben. Arabisch ist meine Kindheitssprache, voller Tabus und Belehrungen – so ist die deutsche Sprache für mich Freiheit. Arabisch ist poetisch, metaphorisch, Deutsch hat eine gewisse Abstraktion, nur schon die zusammengesetzten Worte – auf Deutsch kann man als Autor verdichten. Zudem ist Deutsch meine Alltagssprache, meine Frau und meine Kinder sind Deutsche. Im Traum rede ich oft auf Deutsch. Letzthin sogar mit meiner Mutter, da bin ich doch erschrocken.

  3. Zoey, ,

    @ Elly
    So geht es mir zumindest nicht. Ich überlege immer eine ewigkeit, wenn ich in einer fremden Sprache schreibe. Englisch geht zwar noch… Aber ich hab auch französisch in der Schule und brauch da immer 3x so lang zum denken. Ich bin mir immer unsicher und meine ich habe nicht das richtige Wort gefunden, den Satz falsch geschrieben, und deswegen finde ich es total anstrengend in einer fremden Sprache zu schreiben. Deswegen würd ich mal sagen: Respekt an Suleman Taufiq!

  4. Susanne, ,

    Ich werd noch nicht schlau daraus….. ist das jetzt schon das Schreiben, von dem Herr Taufiq spricht? Oder erklärt er nur wie er schreibt, wenn er schreibt?…… Eine Beschreibung des Schreibens?????

    • Suleman Taufiq, ,

      Liebe Susanne
      Ich rede hier von meiner eigenen Erfahrungen.

  5. henning, ,

    an zoey,
    darum geht es ja gerade bei suleman taufiq. dass man sich der fremden sprache nicht mit unsicherheit nähert, sondern es als abenteuer wahrnimmt, darin aufgeht, neue möglichkeiten entdeckt, neue bilder findet,… und irgendwann dann erlangt man vielleicht sicherheit. es geht darum die neue sprache auch anzuwenden, anzufangen in ihr zu denken und dann zu schreiben. das geht aber bestimmt auch nur wenn man sich über längere zeit in einem land aufhält, in dem die jeweilige sprache gesprochen wird

  6. Tina, ,

    Sprachen sind Heimaten. Meine Muttersprache ist ein mündlicher Dialekt des Deutschen. Es gibt keine offizielle Schriftsprache dazu. Ich musste immer schon im Fremden schreiben, mir das Fremde zu eigene machen. Das gab mir lange Zeit eine gewisse Distanz auf die Dinge. Ich konnte das, was ich geschrieben habe, aus einiger Entfernung betrachten. Irgendwann, nach vielen Jahren des Schreibens auf Hochdeutsch, ist mir diese Fähigkeit so gut wie verloren gegangen. Nun bin ich im Hochdeutschen zu Hause. Ich bin selbst hochdeutsch geworden. Das ist die Sache mit der Heimat. Man verliert diesen wertvollen fremden Blick, auf die Dinge zu sehen. Die Heimat von Außen zu betrachten, ist eine ganz eigene Disziplin.

    • Suleman Taufiq, ,

      Liebe Tina
      Meine eigene Identität sehe ich nur noch in der Sprache verankert. Ja, die Sprache ist vielleicht eine Art Heimat. Man kann auch zwei Heimaten haben.
      Ein syrisches Sprichwort lautet: „Jeder Mensch hat zwei Heimaten: Syrien und seine eigene.“ Das spielt auf die reiche Geschichte vieler Volksgruppen und Völker an, die über Tausende von Jahren ihre Spuren und Einflüsse in der Seele dieses Landes hinterlassen haben.

      • Anne, ,

        Was für ein schönes Sprichwort. Auch andere Länder sollten nicht vergessen, dass das ihre Geschichte ist: Menschen aus vielen verschiedenen Kulturkreisen!

  7. Judith, ,

    Lieber Suleman! Mich würde interessieren, wie lange du gebraucht hast, bist du Deutsch auch als deine eigene Sprache anerkennen und nutzten konntest. Ich habe Deutschland vor fast einem Jahr verlassen. Ich spreche Deutsch, Französisch, Spanisch und Englisch. In dem Land, in dem ich gerade lebe, gibt es kaum jemanden in meinem Umfeld, mit dem ich Deutsch sprechen kann (außer mit meinem Mann). Auch mit Französisch und Spanisch kommt man hier kaum weiter. Die Landessprache lerne ich gerade erst nach und nach. Wenn ich nun nach draußen gehe, mich mit jemandem unterhalte, auf dem Markt einkaufe etc., stehe ich vor folgendem Problem: Intuitiv versuche ich, das, was ich sagen will, nicht erst auf Deutsch zu denken. Gleich auf Englisch zu denken, fühlt sich aber noch eben so fremd an wie in der Landessprache zu denken. So habe ich – und hatte ich vor allem anfangs – große Schwierigkeiten, mich überhaupt zu verständigen, weil es mir falsch erschien, erst auf Deutsch zu denken und dann mühsam zu übersetzen, es aber ebenso mühsam war, gleich auf Englisch zu denken, was ich sagen möchte. Alles geht nur ganz, ganz langsam. Ich fühle mich also in meinem Sprechen und Denken zugleich beschnitten.

Die Kommentarfunktion wurde abgeschaltet, da der Austausch mit den Autoren und den Lesern zum Thema "Heimatkunde" aktuell für die Bühne bearbeitet wird. Sie können das Ergebnis am 16. & 17. September jeweils um 19.30 Uhr im Theaterhaus Stuttgart erleben.

Karten unter www.theaterhaus.com