We Refugees

Wir sind ganz normale Leute.
Wir sind Menschen.
Genau wie Sie.
Genau wie die Leute in Spanien oder Griechenland, Italien, Schweden, Amerika, Afrika – und sogar im Süden von Mexiko.
Wir haben geträumt.
Ja, wir haben davon geträumt, wie alle anderen zu sein.
Wir haben davon geträumt, wie alle anderen frei zu leben.
Davon, in einer echten, zivilen, demokratischen, nicht-militärischen Gesellschaft ohne Diktatur zu leben.
Wir hatten den Traum, ohne die Angst vor Leuten zu leben, die sich Geheimdienst nennen und blutige Hände haben.
Wir haben davon geträumt, normale menschliche Wesen zu sein.
Genau wie Sie.
Also sind wir auf die Straße gegangen.
Wir haben laut nach Freiheit und Würde gerufen.
Aber das hat dem Rest anscheinend nicht gefallen.
Anscheinend hatte das Schicksal schon entschieden.
Dass wir unter Folter sterben.
Dass wir sterbend Geschützfeuer hören.
Nur für die Freiheit.
Nur für die Würde.
Genau wie alle anderen.
Aber.
Aber der Rest der Welt hat sich entschieden, sich hinter einen Diktator zu stellen.
Sich hinter einen Kriegsverbrecher zu stellen.
Sich hinter jemanden zu stellen, der einen neuen Holocaust im 21. Jahrhundert erschaffen hat.
Ja, das hat er alles vor Ihren Augen getan.
Und wir, die Syrer, wandern durch diese Welt auf der Suche nach Frieden, auf der Suche nach Freiheit, und versuchen, friedlich unter freiem Himmel zu schlafen.
Warum?
Weil wir Menschen sind.
Genau wie Sie.
Lassen Sie uns frei.
Helfen Sie uns.
Hören Sie auf, zu weinen.
Hören Sie auf, wegzurennen.
Hören Sie auf, davon zu reden, dass es eine Flüchtlingskrise gibt.
Das ist keine Flüchtlingskrise.
Das ist ein Problem der Mentalitäten und der Länder, die aus eigenem Profitdenken heraus einen Diktator unterstützen.
Aber wir sollten wissen, dass die Geschichte ein Schurke ist und sich oft wiederholt.
Und anscheinend ist es doch so – wenn man aus der Geschichte lernt – , dass Diktatoren sterben, und die Menschen leben.
Eines Tages werden wir frei sein.
Entweder hier oder dort.
In Syrien, im Irak oder irgendwo auf dieser Welt.
Wir sind die Syrer.
Ich als Künstler –
Oh ja, stellen Sie sich das vor, ich bin ein Künstler.
Der Sohn einer sehr alten Theatergruppe.
Ich als Künstler, der als Geflüchteter gelebt hat und sein Schicksal akzeptiert hat,
habe viel über deutsche Schriftstellerinnen, Wissenschaftlerinnen und Künstlerinnen gelesen und gesehen, die dieselbe Erfahrung gemacht haben, wie Einstein, Brecht und Hannah Arendt.
Sie waren alle Geflüchtete.
Viele Jahre nachdem sie gestorben waren, gingen sie zurück in ihr Land.
Ihre Schriften gingen zurück.
Und jetzt sieht man sie als Vordenker an.
Deshalb tue ich das, was ich tue.
Deshalb schreibe ich, spreche ich, mache ich ein Theaterstück oder einen Film.
Ich habe anscheinend Glück, ein Künstler zu sein.
Ich habe das Glück, dass ich englisch sprechen kann und deutsch gelernt habe.
Ich habe Glück, dass ich vor Ihnen stehen kann und Sie mit dieser Rede konfrontieren kann.
Aber was ist mit den anderen.
Was ist mit den anderen, die von Assad oder von seinem Spielzeug, dem IS, getötet werden.
Europa hat nur Angst vor dem IS.
Aber, wir, die Syrer, haben vor allen Angst.
Wir haben vor Assad, vor dem IS, vor den Extremisten und vor den Neonazis Angst, weil wir unter allen gelitten haben.
Manchmal kann man sich nur wundern, dass die Menschheit in diesem Jahrhundert immer noch fähig ist, so viel Tod zu erschaffen.
Wir können zum Mond fliegen, aber bis zum heutigen Tag kann ein Kind in einer Diktatur vor aller Augen verhungern.
Sie sehen ihn und lassen ihn einfach existieren.
Ich verstehe das nicht.
Vielleicht ist die Menschheit doch noch im Stadium des Homo Erectus.
Wir Geflüchteten und Künstler haben nur eine Sache, die uns überleben lässt.
Wir haben nur Hoffnung.
Wir haben nur Hoffnung.
Danke.

28 Kommentare

  1. Aiman Atasi, ,

    Danke Anis an diesem schönen Text, es hat mir sehr berührt.
    Ich könnte alles nachvollziehen und vorstellen.

    Unsere Hoffnung, dass Syrien besser wird.

  2. Fadi, ,

    Leiber Inis,
    Vielen Dank für Ihr Schreiben wir Hoffnung alles besser für Syria..
    شكرا لك ولكلامك .. تحية

  3. Miriam, ,

    Ein wunderbarer Text, der manch einen wachrütteln wird – hoffentlich!! Vielen Dank!

  4. Rula, ,

    wunderbar, danke ..I’m so stolz auf dich mein Bruder.

    • Rula, ,

      فخورين فيك متل العادة

      • Rosemarie, ,

        Hallo Frau Rula, was heißt das? Ich kann kein Arabisch, leider!

  5. Ingrid Vielsack, ,

    Lieber Anis, das Gedicht spricht aus den Herzen von allen Syrern die darunter leiden müssen.
    Wir sollten immer für Menschen einstehen die in einer freien Demokratie und ohne Diktator und Geheimdienst leben möchten. Wir können nicht neutral zuschauen wie Menschen gedemütigt, gefoltert und verfolgt werden, sondern wir müssen Partei für sie ergreifen, sonst machen wir uns alle mitschuldig.

  6. Martha, ,

    Ich freue mich, dass Du erkennst, dass Du zu den privilegierten dieser Welt gehörst, der vielleicht Schlepper bezahlen konnte, der es in Sicherheit geschafft hat.

    Aber was ist mit den anderen, die es nicht schaffen, die es nie schaffen werden, die noch nicht einmal den ersten Geburtstag feiern können weil sie an Unterernährung sterben, verdursten… Die noch nicht einmal wissen, dass Deutschland existiert. Was ist mit all diesen Menschen. Egal ob in Syrien oder sonst auf der Welt.
    Lieber Autor, vielleicht kannst Du mir einige Fragen beantworten.
    Was will die Opposition in Syrien, gegen die Assad so hart vorgehet?
    Wie konnte es soweit in Syrien kommen? Erklär es mir bitte.
    Warum hat der IS einen sooo großen Zulauf?
    Können die Taten es Is mit den Taten der Christen während der Kreuzzüge verglichen werden?
    Sollten nicht sämtliche Religionen dieser Welt verboten werden?
    Religionen wollen den Menschen manipulieren, gefügig machen, Religionen wollen Macht und Kontrolle ausüben, Angst machen…
    Danke

  7. Anja, ,

    Wie sagte ein bekannter Schreiber? “ Religion ist die Scheiße dieser Welt. “
    Wie wahr! Wie wahr!
    Ist doch die Ursache sämtlicher Kriege, Unruhen, Unterdrückungen und Misshandlungen hauptsächlich die Religion. Oder noch besser ausgedrückt, lässt sich solcherlei Unheil nur mit denjenigen durchführen denen das eigenständige Nachdenken amputiert wurde, das Hirn blockiert mit schauerlichen Märchen, denen von klein auf Angst vor dem Himmelsvater, der sich dann wiederum die Finger wundschreibt über Todsünden, eingejagt wird.
    Jeder Krieg auf dieser Welt ist eine Schande für die Menscheit. Und sinnlos noch dazu. Die Geschichte beweist es.
    Hoffnung ist gut. Aber nur hoffen bringt niemanden weiter. Bildung( für alle) wäre 1 Zauberwort. Empathie, ein weiteres. Respekt und Achtung vor allen Leben ein darauffolgendes.

    • Alex, ,

      …von wem stammt denn das, Anja?

      • Rosemarie, ,

        Von Andreas Altmann natürlich

        • Alex, ,

          Ach so, danke! Aber was ist denn mit denen, die Religion als Teil ihrer Identität verstehen (trifft auf mich nicht zu), für die es vielleicht einen positiven Effekt hat? Soll man die Religion da einfach abschaffen?

          • Anja, ,

            Ich denke, dass sich Religion nicht einfach abschaffen lässt. Aber ich bin der Meinung das jeder der darüber nachdenkt und sich die Welt mit offenen Augen anschaut, sich auch informiert über sämtliche Religionen, der wird irgendwann Religion als Hokuspokus bezeichnen. Weil, und das ist in jeder Religion der Fall, Religion immer auf Angst aufgebaut ist. Angst vor dem was nach dem Tod kommt. Angst vor irgendwelchen Bestrafungen, weil Lebenslust und Lebensfreude dem Herrgott nicht gefallen könnten.
            Ich selbst verurteile niemanden der glaubt und respektiere den jeweiligen Glauben, solange derjenige es für sich tut. Im stillen Kämmerlein sozusagen. Und nicht loszieht um zu missionieren und um seine Wahrheit als die allein selig machende zu verkaufen.

        • Anja, ,

          Bingo Rosemarie! Und Danke für’s antworten. Vielleicht kommt hier jetzt mal was ins Rollen. Die bisher dürftigen Kommentare lassen einen gähnen!

          • Wolfgang, ,

            Also dem ‚Hokuspokus‘ will ich widersprechen. Was ist z.B. mit dem Buddhismus? Da denkt man doch weniger an religiöse Fanatiker. Alles immer gleich so zu pauschalisieren (‚Religion ist die Scheiße dieser Welt.‘), da muss man viel sensibler vorgehen. Ich denke auch, Bildung hilft davor, sich ganz in religiösen Weltbildern zu verlieren. Aber mit so aggressiven Formulierungen stößt man wohl gleich auf einfach auf vehementen Widerstand, da eröffnet sich kein Gespräch. So zumindest meine Erfahrungen mit religiösen Menschen. Man muss auf jeden Fall in der Realität bleiben, nicht für ein Jenseits leben. Macht der Text von Anis Hamdoun ja auch deutlich: ‚Hören Sie auf, zu weinen. Hören Sie auf, wegzurennen. Hören Sie auf, davon zu reden, dass es eine Flüchtlingskrise gibt.‘

            • Anja, ,

              Hallo Wolfgang! Buddhismus ist keine Religion, Buddhismus ist eine Weltanschauung.

              • Wolfgang, ,

                Liebe Anja, danke für den Hinweis. Allerdings gilt Buddhismus als eine der größten Weltreligionen, da kommt es drauf an, wo man die Grenzen zieht. Aber über diese Feinheit wollt ich gar nicht streiten. Trotzdem: Meinen Sie nicht, dass eine drastisch-deutliche Einstellung gegen Religionen, eine so deutliche Wende dagegen wiederum dazu führt, dass religiöse Menschen das Gespräch verweigern, sodass eben kein Dialog zustande kommt? Ist natürlich auch die Frage, ob man will, dass es überhaupt einen Dialog gibt.

                • Anja, ,

                  Wie ich schon sagte, Buddhismus ist keine Religion, Buddhismus ist eine Weltanschauung weil, und das ist der Unterschied, im Buddhismus niemand angebetet wird.
                  Und warum sollte man mit religiösen Menschen nicht in Dialog kommen? Nur weil verschiedene Ansichten vertreten werden? Ich selber bin sehr eng mit einem Moslem befreundet, der, eigentlich hoch intelligent, mir die schauerlichsten Geschichten erzählt wenn man dies und jenes nicht befolgt, das ganze Leben darauf ausgerichtet um im Paradies das Glück zu finden. Und das eigentliche Leben dabei verpasst.
                  Wir könnten weiter ausholen und fragen , was ist Wahrheit?

                  • Wolfgang, ,

                    Liebe Anja, nun das Zitat ‚Religion ist die Scheiße dieser Welt.‘ klang nicht nach Dialog mit religiösen Menschen. Und ich denke nicht, dass der Kern meiner Aussage im ‚Buddhismus ist eine Religion/ Weltanschauung‘ lag. So ist es leider häufig im Gespräch mit Menschen, man sagt 5 Dinge und sie reagieren nur auf 1 Sache. Darum ging es mir ja gar nicht.

                    • Anja, ,

                      Ja, Wolfgang, da muss ich dir Recht geben. Eigentlich ist es nicht wichtig wieviel man sagt , sondern das ,was bei dem Gegenüber ankommt. Wahrscheinlich ist genau das das Problem. Wahrscheinlich verlaufen deshalb zu viele Gespräche, Dialoge, Diskussionen u.ä. ins Leere.
                      So ist nun mal jeder ein Individuum, jeder versteht seine Welt auf seine Weise. Und jeder hat seine eigene Wahrheit.
                      Nun, die Worte “ Religion ist die Scheiße dieser Welt“ ist ein Zitat, es sind nicht meine Worte, trotzdem spricht mir dieses Zitat mittlerweile aus dem Herzen. Einfach deshalb ,weil mit Religion zuviel Dummheit verkauft wird.
                      Deswegen denke ich aber nicht, dass Dialoge zwischen religiösen und nichtreligiösen Menschen unmöglich sind. Wichtig bei solchen Dialogen erscheint mir lediglich das jede Meinung respektiert wird. Denn, was ist Wahrheit? Wo steht die Wahrheit ?

                • Anja, ,

                  Hey! Der Kommentar wird hier nicht vollständig angezeigt!

                  • Deborah, ,

                    Hallo Anja, im System ist kein weiterer Text von Dir gespeichert. Er muss beim Abschicken ins Nirwana gewandert sein. Dennoch wäre es schön, Deinen Gedankengang zu Ende zu lesen. Vielleicht magst Du ihn noch mal ausführen? Danke und Grüße aus dem Theaterhaus

                    • Anja, ,

                      Hallo Deborah! Ich kann deinen Kommentar hier leider nicht lesen. Es sind nur die ersten Buchstaben der jeweiligen Zeile sichtbar. ???

                    • Deborah, ,

                      Hallo Anja, wir haben das Problem bei der Mobilansicht der Blogbühne behoben, Du müsstest jetzt alles lesen können. Viel Spass noch beim Lesen und Kommentieren

  8. Bilal Hasaf, ,

    Sehr schöne Worte, wir warten immer für die Hoffnung

    شكرا لكلامك اخي وبالتوفيق للجميع

  9. Lena, ,

    Hello Anis,

    my Syrian friends showed to me your touching poem today. I’d like to post it on facebook in German and in Arabic if you agree. Where can I find the Arabic text?

    I know a lot of people from your home country, the lost paradise. They are teachers and taylors, farmers and engineers. You are the first artist I get in touch with. And it’s making me happy that you take your chance and appear in public, not only in the internet, but the classical, sophisticated way. Hopefully the merging of two cultures, so diffent, but still made by mankind, can succeed.

    Day by day we are trying to find our way together, me and my fellows from far far away, comparing what we have in common and what we can learn from each other. I must confess, sometimes it is not easy. But these friendships are enriching my life, opening my eyes, challenging me.

    I wish you could all grab your things, go home and never come back! Because that would mean, you regained what’s left of your paradise and I can come and see.

    One day.

    Thank you, Anis!

    Lena

    • Anis Hamdoun, ,

      Hallo Lena. Es gibt leider keine Arabische Übersetzung. Der Text ist auf Englisch entstanden und wurde übersetzt.

  10. Selma, ,

    hallo Anis Hamdoun,

    es ist ein schöner Text, dein Text.
    Ich duze dich hier einfach, wenn dich das stört, dann bitte sagen.
    Es ist ein schöner Text, dein Text – er ging mir zu Herzen.
    Ich hör auf zu weinen, ich hör auf wegzurennen und werde dagegen was sagen, wenn jemand in meinem Beisein von einer „FLÜCHTLINGSkrise“ spricht.

    Ich denk auch, dass du Glück hast ein Künstler zu sein.
    Dass es ein Glück ist auf irgendeine Art, das ausdrücken zu können, was einen beschäftigt. So schmerzt, dass zerstören könnte.
    Es wieder in die Außenwelt geben zu können, das was in einen reinlief als Erfahrung – verwandelt.

    Heimat.
    Ich bin ein Kind von Flüchtlingen. Man nannte sie damals „Heimatvertriebene“.
    Meine Eltern waren nicht unbeteiligt an all dem, was da dann in Folge passierte.
    Ich rede gerade vom 2. Weltkrieg und Deutschland.
    NIEMALS hätte ich gedacht, dass ich erleben werde, dass in diesem Land, in dem ich lebe, Flüchtlingsunterkünfte abgefackelt werden.
    NIEMALS hätte ich gedacht, dass so etwas hier passieren kann.
    Nach solch einer Vergangenheit – never!!! (Hier ist mir nach Weinen!)

    Ich als Kind von „Heimatvertriebenen“ hab nie richtig eine Heimat gefunden, bin nirgends richtig heimisch geworden. Ausnahme ist wohl die Sprache.
    Ja – es ist entsetzlich, dass Kinder vor aller Augen verhungern – nicht nur in einer Diktatur.
    Als ich jung war – ich dachte (obwohl ich ganz schön viele saublöde Erfahrungen machen musste) – ich dachte immer, dass Menschen fähig seien sich, weiter zu entwickeln.
    Und ich erwartete, dass sie das tun!
    Hoffnung.
    Auf dass die Hoffnung bleibt …

    lg
    Selma

Die Kommentarfunktion wurde abgeschaltet, da der Austausch mit den Autoren und den Lesern zum Thema "Heimatkunde" aktuell für die Bühne bearbeitet wird. Sie können das Ergebnis am 16. & 17. September jeweils um 19.30 Uhr im Theaterhaus Stuttgart erleben.

Karten unter www.theaterhaus.com