Zivilcourage

Heimat nenn ich einen Ort, wenn ich auf der Straße laut und deutlich meine Meinung sagen kann. Das gelingt mir manchmal tatsächlich. In meinem Berliner Kiez zum Beispiel, die Görlitzer Straße hoch und runter. In der U1, allerdings nur zu gewissen Uhrzeiten. Im Theater, in meinen Texten. Unter engen Freunden. Und glücklicherweise auch in meinem Elternhaus. Es ist diese sonderbare Sicherheit, diese Verteidigungshaltung, dieses Ich-weiß-wie´s-hier-läuft, mach deinen Scheiß bitte woanders. Das nenn ich Heimat.

In Tinstabook besitze ich dieses Selbstverständnis, ihr wisst es bereits, nicht. Da wird zwar viel gesagt, wogegen ich laut schreien und kotzen müsste. Aber ich fühle mich einfach nicht so richtig zuständig dafür. Es ist mir doch so fremd alles, ich bin doch so neu, sollen doch die sich kümmern, die hier zuhause sind. Ich kann mich weder verstecken, noch schützen, noch retten. Ich kann die Dynamik nicht einschätzen. Ich kann nicht einschätzen, was diese Dynamik dann in mir auslöst. Ich kenne dieses Land nicht, also verteidige ich es auch nicht.

Ihr sagt jetzt, das geht nicht. Ihr sagt, das Netz braucht all unseren Anstand. Neubürger*innen wie alt Eingesessene, Ureinwohner, wie Zugezogene. Tinstabook kann nur diese friedliche, zwar extrem kritische und absolut kontroverse, aber faire, vielleicht widersprüchliche, vielleicht verrückte, aber dennoch warme, auch leidenschaftliche, schrille, schräge, aber geschwisterliche Gemeinschaft werden, die sie gerne werden will, wenn wir uns das alle gemeinsam erkämpfen. Neuerdings lese ich in Tinstabook von immer mehr Bewohner*innen den Wunsch nach mehr Liebe. Man soll doch bitte viel mehr das, was man mag, hervorheben, kommentieren, teilen und zwar liebevoll, man soll Liebe vergeben, so viel man nur kann, Liebe streuen, Liebe ernten, lieb sein und diesen Hass, diese Krankheit, mit Liebe ausmerzen.

Ich bin leider oft zu müde. Ich klapp dann einfach den Laptop zu. Und damit sind sie alle weg. Die Liebe ist weg, aber auch die Idioten mit ihren Idiotensprüchen und ihre Kriege, die sie führen. Als würde sie nicht irgendwo an ihren Rechnern sitzen und wirklich Idioten sein. Vielleicht sogar auf irgendeinem Sofa in einer Altbauwohnung in meiner Görlitzer Straße.

5 Kommentare

  1. Lisa, ,

    Ja, auch auf ‚Tinstabook‘ geht das nicht. Gibt ja auch Leute, die sich da zu Hause fühlen (wo sie sich einsetzen (und hetzen?) können), und nicht draußen auf der Straße.

    • Erika, ,

      Ganz im Gegenteil! Tinstabook, Instagram und Facebook ist der Ort der Exklusion schlechthin. Wer findet da schon hin? Um einen Account zu betreiben, muss man erst einmal gewillt sein, seine Daten zu verkaufen, seine Privatsphäre aufzugeben und sich für wichtig genug nehmen, sein Essen und seine alltäglichen ‚Erlebnisse‘ zu posten. Wer zu arm ist, ist da nicht. Wer keinen guten Zugang zum Internet hat auch nicht. Wer zu viel arbeitet sicher ebenfalls nicht. Wer zu jung oder zu alt ist, ist da auch nicht anzutreffen. Wer sich das Ganze nicht antun will ebenfalls nicht. Ich finde es völlig falsch, dass immer behauptet wird, dass sich dort die breite Öffentlichkeit trifft. Das ist nämlich ganz und gar nicht so!

      • Tina, ,

        Aber wäre es so, dann wäre es das Land meiner Träume. Ich frage mich nur, ist es nicht möglich, dass es das noch wird? Ist schon alles entschieden im Internet oder kann sich diese „Heimat für alle“ noch bilden?

        • Erika, ,

          Momentan erscheint mir das doch sehr utopisch! Aber das hat man vor Jahrzehnten auch zu ganz anderen Dingen gesagt, und heute hat jeder x-te Haushalt einen Staubsaugerroboter und 5 Tabletts. Vielleicht leben wir eines Tages ja doch ganz digital. Mir graut es davor aber (noch).

          • Tina, ,

            Als Konstrukt meine ich, wäre es meine Traumheimat. Als Ort, an dem sich wirklich alle Zuhause fühlen. Jetzt, wo sie selbst in Kuba an manchen Plätzen Wlan eingerichtet haben, müsste es doch rein technisch für viele Menschen Zugang geben. Was muss passieren, dass es auch für alle eine Heimat wird? Mehr Liebe? Mehr Lässigkeit? Mehr Anstand? Mehr was? Was brauchen wir, damit wir uns leben lassen können? Oder warum lassen wir uns selbst im Netz nicht leben?

Die Kommentarfunktion wurde abgeschaltet, da der Austausch mit den Autoren und den Lesern zum Thema "Heimatkunde" aktuell für die Bühne bearbeitet wird. Sie können das Ergebnis am 16. & 17. September jeweils um 19.30 Uhr im Theaterhaus Stuttgart erleben.

Karten unter www.theaterhaus.com