Zweiter Teil

Als mein Sohn sechs Jahre alt war, fragte ihn ein Freund: „Ja, was bist du denn nun eigentlich? Deutscher oder Syrer?“, worauf er zunächst nicht antwortete. Es schien, als ob ihn diese Frage ratlos machte. Darauf schlug mein Freund ihm vor: „Vielleicht bist du ja ein halber Deutscher und ein halber Syrer.“ Nun reagierte mein Sohn ganz energisch und meinte entschieden: „Nein, ich bin ganz Deutscher und ganz Syrer!“
So gab er mir einen Eindruck davon, wie er sich selbst zwischen zwei Kulturen lebend empfindet. Er wollte nicht zwischen beiden Kulturen aufgeteilt werden. Er empfand sich in beiden Kulturen als vollständig. Und er ergänzte noch: „Ich bin doch nicht nur ein Stück von Syrien, oder?“
Bei der Erziehung meiner beiden Kinder hatte ich von vornherein kein Konzept. Die Erziehung folgte keinen festgelegten Normen, sondern gestaltete sich rein intuitiv; sie ergab sich einfach daraus, dass wir Eltern aus verschiedenen Kulturen stammten, meine Frau als Deutsche und ich als Syrer. Da unsere Kinder in Deutschland leben, bekommen sie von der deutschen Kultur automatisch viele Impulse. Meine Tochter hört jedoch arabische Musik ebenso gerne wie Hiphop. Sie tanzt auf orientalische Art genauso schön wie zu einer fetzigen Rock-Platte. Denn durch meine Person und die Reisen, die wir fast jährlich nach Syrien unternahmen, erfuhren sie ein Stück lebendiger syrische Kultur. So leben unsere Kinder nicht rein deutsch oder rein syrisch. Vielmehr erleben sie von Anfang an, dass sie zwar anders sind als andere Kinder, aber trotzdem sind sie doch mit ihnen auch verbunden. Ihr Leben in zwei Kulturen verläuft nicht ordentlich sortiert in zwei getrennten Welten, sondern vermischt sich zwischen den beiden Kulturen, überschneidet sich, ergänzt sich oder verwirrt sich in Widersprüchlichkeiten – ganz so, wie es im Leben nun einmal passiert.
Da ich in Syrien schon in zwei Kulturen aufgewachsen bin, und zwar als syrischer Christ in einer arabisch-islamischen Kultur, war ich mit dieser Situation vertraut. Aber erst heute weiß ich, welche Chancen sich daraus ergeben können. In zwei Kulturen zu leben, bedeutet für meine Kinder nicht automatisch Konflikte. Wenn ich meine Kinder heute beobachte, sehe ich, dass sie beide Kulturen mit Leichtigkeit in sich verbinden. Sie entwickeln nicht zwei sich gegenüber stehende Identitäten, sondern schaffen etwas Neues, Phantasievolles.
Kinder, die in zwei Kulturen aufwachsen, sind sehr sensibel und offen für die Wahrnehmung kultureller Differenzen. Sie nehmen Partei für Außenstehende und entwickeln einen besonders stark ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Denn sie vermitteln in ihrem Kopf und in ihren Gefühlen ständig zwischen den beiden Elternteilen und damit zwischen beiden Kulturen. Aus Neugier sind sie sehr gut informiert über andere Länder, weil sie die Unterschiede der Menschen aus verschiedenen Ländern unvoreingenommen wahrnehmen. Auf der anderen Seite fallen sie in ihrer Umgebung auf, sowohl hier in Deutschland, als auch in Syrien. In unserer Familie kommen die kulturellen Unterschiede, ihre guten wie auch ihre schlechten Seiten, deutlich zum Vorschein.
Die Vermittlung der beiden Sprachen ist ein weiterer Punkt, auch wenn meine Kinder der deutschen Sprache mächtiger sind als der arabischen. Durch die arabische Sprache können sie meine eigene Kultur besser verstehen. Meiner Meinung nach bedeutet Zweisprachigkeit aber nicht nur, zwei Sprachen zu lernen, sondern das Leben ebenso in der einen wie in der anderen Kultur gestalten zu können.

Obwohl die arabische Sprache nicht ihre Alltagssprache ist, so ist sie doch eine gute Möglichkeit, bestimmte Geheimnisse zwischen mir und ihnen vor der deutschen Umwelt schnell einmal zu verbergen. Wie oft schon haben meine Tochter und mein Sohn mir auf Arabisch etwas zugeflüstert, wenn ich auf die Gewohnheiten ihrer deutschen Freunde nicht genügend Rücksicht nahm.
Und doch sind sie oft auch stolz darauf, dass sie noch einen syrischen Teil in sich tragen.

4 Kommentare

  1. Peter, ,

    lieber suleman, danke, dass du uns darauf hinweist, dass es nicht nur das ‚eine‘ oder das ‚andere‘ gibt. wieso ist man z.b. als berliner, dessen eltern berliner sind schon ein berliner? weil man dort schon immer gelebt hat? und wo genau ist die grenze zwischen kulturen? ich bin deutscher staatsbürger, lebe aber im ausland und muss mich auch fragen: welcher kultur gehöre ich an? der in meiner neunen ‚heimat‘? obwohl ich die landessprache noch nicht gut spreche und die kulturelllen geflogenheiten nicht kenne? oder ‚darf‘ ich mich schon zugehörig fühlen, ist heimat/ kultur etc. also vor allem ein gefühl? – oder bin ich ‚bloß deutsch‘? obwohl ich nicht in deutschland lebe? gerade heute, wo internationalisierung und ‚grenzenlose‘ mobilität geradezu en vogue sind – oder menschen aus anderen gründen ihre heimat verlassen müssen, ist die frage ‚welcher kultur gehörst du an? wer bist du?‘ wohl nicht so einfach. das zeigt dein text ganz schön. Man kann selbst entscheiden, was und wer man ist. peter

  2. Antonio, ,

    Ich bin selbst zweisprachig aufgewachsen und dachte nie, ich sei eine Art Zwitter aus zwei Kulturen. Mich umgaben ja viel mehr als diese zwei Kulturen. Ich war voll von all dem, was um mich rum geschah. Ich habe meine ganz persönliche Kultur, die irgendwo zwischen all dem liegt, was mich umgibt. Sind wir nicht alle zusammengestückelte WEsen, gefüttert von so Vielem?

    • Martina, ,

      Ich stimme dir zu. Dass das so akzeptiert wird, hängt aber wohl damit zusammen, woher man stammt – und wohin man gegangen ist. Als Deutscher in Frankreich zu argumentieren, dass man beides ist, ist vermutlich einfacher, als zu verdeutlichen, dass man Deutscher und Syrer zugleich ist.

  3. Karin Lea Bonsfeld, ,

    Lieber Suleman Taufiq, da würde mich als Urdeutsche ja schon interessieren, wo Sie oder Ihre Kinder meinen, dass wir Ureinwohner empfindlich sind. Wann und was wird Ihnen denn da auf Arabisch zugeflüstert? Und wenn ich schon mal den Fragen bin: Wie sehen Sie denn die Geschehnisse in Syrien? Gibt es eine Chance, dass der Krieg zu Ende geht? Gibt es überhaupt noch dieses Syrien, von dem Sie erzählen? Ich hoffe, ich bin nicht zu indiskret – aber wenn solch ein Forum Sinn machen sollen, müssen ja auch solche Fragen gestellt werden.

Die Kommentarfunktion wurde abgeschaltet, da der Austausch mit den Autoren und den Lesern zum Thema "Heimatkunde" aktuell für die Bühne bearbeitet wird. Sie können das Ergebnis am 16. & 17. September jeweils um 19.30 Uhr im Theaterhaus Stuttgart erleben.

Karten unter www.theaterhaus.com