Zweiter Teil

Putschisten, Axtmörder, Sektenjünglinge im Wahn, am Arsch, Schluß damit: Ich verabschiede mich von der kranken Welt, ich will privat bekloppt sein. Nach dem Telefongespräch mit meiner Mutter ruf ich bei Kumpel Stefan an, ich sage: Ein Dampfreiniger deutscher Bauart, das fehlt mir zu meinem Glück, bestellst du ihn für mich, bitte? Er bestellt das Gerät, zwei Tage später wird das schöne Stück geliefert. Ich lese alle einundzwanzig Seiten der Gebrauchsanweisung, ich erfahre: Der 130°C heiße Dampf wird zu den Düsen am Dampfschuh geleitet und auf die zu behandelnde Oberfläche aufgebracht. Die am Dampfschuh angebrachten Mikrofasertücher nehmen den gelösten Schmutz auf. Schön. Ich beginne mit der Montage. Erstens: Ich montiere den Handgriff an das Teleskoprohr und fixiere ihn mit der Schraube (4x28mm). Zweitens: Ich montiere das Teleskoprohr mit dem Handgriff am Dampfgerät und fixiere diese mit der Schraube (6x40mm). Dauert verdammte zehn Minuten, es klappt. Drittens: Ich stecke den Dampfschuh auf das Dampfgerät und fixiere diesen mit der Schraube (4x6mm). Viertens: Ich nehme das Mikrofasertuch meiner Wahl (blau, genoppt) und befestige es mittels Klettverschluss am Dampfschuh. Fünftens: Ich befestige die Netzschlußleitung am Kabelclip unter dem Handgriff. Sechstens: Ich öffne den Klemmhebel, ziehe das Teleskoprohr auf die gewünschte Länge heraus und arretiere es wieder mit dem Klemmhebel. Dann gehts los, nein falsch, ich fülle den Wassertank bis zum Eichstrich, drücke den Stecker in die Steckdose, die Betriebsanzeige leuchtet rot auf. Ich wähle die Dampfstufe zwo, das Gerät schüttert wegen der Pumpstöße, höllisch viel Dampf quillt aus den Düsen, ich lege los, der Boden glänzt, ich bin schweißgebadet und freue mich: kleiner Sied in der Kammer. Die Telefone schrillen, eine Sau läuft Amok, erschießt Frauen und Männer, und entsorgt sich dann selbst. In die Hölle mit dir, denke ich. Hölle ist das Stichwort: Ich spanne das dritte Papier des Tages ein und schreibe weiter an meinem Lutherroman. Was ist nicht nichtdeutsch? Das gute Gerät. Der fromme grobsächsische Luther. Bald werden sie ihn feiern, und wie es sich eben mit Feierstunden und Jubiläen eben so verhält, wird man alles verkitschen. Heute schon gibt man zu: Ja, der gute Mann war nicht maßvoll, er wurde oft hitzig. Ja, der gute Mann mochte keine Juden, Türken, Zigeuner, und ja, den Papst hat er den Antichristen geschimpft. Laßt uns vergessen und beten. Blödes Zeugs, die entbehrlichen Matschköppe der Kirchen werden ganz toll ökumenisch fiebern. Zurück zum Roman, Schnauze halten und schreiben. Frühnachmittagspause bei Marek, dem begnadeten Polen, dem gesegneten Grillmeister von Fleisch am Spieß. Ein Hipster mit Knolle aufm Kopp sagt: Ist schon schlimm, was da passiert, oder? Wir futtern hier friedlich, und dann Bamm, und nochmal Bammbamm, oder? Scheiße, oder? … Ich grübele darüber, ob ich es wagen soll, mit dem Gerät auf dritter Dampfstufe volle Kanone über den Boden zu kacheln. Wird dann der Dampfschuh zerkochen? Wird das Holz splittern? Und was ist mit Luther? Ist der verketzerte Mönch nicht selbst zum Ketzenjäger geworden, später, als er im Schatten des Kurfürsten dick und feist wurde? Der Hipster sagt: Hast du nicht gehört? Machst du dir keine Sorgen? Hast du keine Angst? Ich steh nicht mehr mit vielen Leuten an der Bushaltestelle, oder? Da lock ich doch die Irren an … Ein Mittvierziger, Marke Armabreißer, sagt er soll das Maul halten und das geile Zeug von Marek schaufeln. Der Hipster hat Sojasprossen und Hähnchenstücke auf dem Teller, er stochert darin herum. Gerät und Gebet sind nicht nichtdeutsch, der Knollenknaller kann mich mal. Er sieht aus wie ein Spürhund, er ist auf der Suche nach Drogengaunern, Ethno-Hooligans, Genderbestien und Bamberger Radikalen in der Kieler Südstadt. Der Mittvierziger trommelt auf den satten prallen Bauch. Marek knetet Fleisch an den Spieß. Ich entscheide mich gegen Experimente: Bei bestimmungswidriger Benutzung droht Fehlfunktion. Ich lass das Fleisch einpacken, warte an der Ampel, bis es grün wird, und gehe dann über die Straße.

3 Kommentare

  1. Peter, ,

    Das lässt mich ja fast wahnsinnig werden, die parallel gesetzten Geschehnisse, da fragt man sich, was noch wichtig oder bedeutsam ist und was nicht. Mich würde interessieren, wie es sich da lebt, wenn man ‚konsequent offline‘ lebt wie Sie, Herr Zaimoglu? Hat man dann weniger das Gefühl, man müsste ständig Informationen aufnehmen, auch wenn sie noch so unwichtig scheinen? Kann man sich da vielleicht leichter abschotten? Aber ich glaube, man entzieht sich doch auch einem wichtigen Bereich, so ganz ohne Internet. Da findet nämlich eine andere Form von ‚öffentlicher‘ Diskussion statt!

  2. Caren, ,

    Also einfach ‚Augen zu‘ und ab ins Private und eigene Zuhause? Und das ist dann Heimat so abgeschottet von allem, was unangenehm sein könnte? Man ist halt keine Insel, ist leider nicht so einfach.

    • Wolfgang, ,

      Dazu sollten Sie auch mal die Texte von Frau Müller lesen…

Die Kommentarfunktion wurde abgeschaltet, da der Austausch mit den Autoren und den Lesern zum Thema "Heimatkunde" aktuell für die Bühne bearbeitet wird. Sie können das Ergebnis am 16. & 17. September jeweils um 19.30 Uhr im Theaterhaus Stuttgart erleben.

Karten unter www.theaterhaus.com